Sonntag, 28. Juni 2015

Wolkenverhangene Zeiten

Hu, war das eine nasse, kühle Woche! Vom Sommeranfang war so gar nichts zu spüren! Aber wenn der Alltag ruft, kann man aufs Wetter keine Rücksicht nehmen und muss trotzdem raus. Mehr als einmal bin ich dabei bis auf die Haut durchnässt gewesen, aber zum Glück auch immer wieder getrocknet *lach*. Manchmal konnte ich den Regenschauern aber auch etwas Gutes abgewinnen: So musste ich mich die ganze Woche nicht ums Gießen von Blumen und Gemüse kümmern und hatte einige wunderschöne Fotomotive für Katjas Wolkenbilder (so wie der herrlich bunte Morgenwolkenhimmel über unserem Balkon [oben] und die leuchtenden Wolkenfetzen über dem Turm der Frauenkirche [unten]).

Andererseits passte die dichte Bewölkung mit einigen kleinen Sonnenstrahlen dazwischen auch gut zu meiner Stimmung, die zwischen Hoffen und Bangen, Erleichterung und Verzweiflung schwankte. Leider überwog am Ende die traurige Gewissheit, mit unserem Problem noch kein Stück weiter gekommen zu sein. Unserem kleinen Schulkind geht es in der Schule immer schlechter und auch die Beziehung zur Lehrerin ist größtenteils durch Vorwürfe und Abwertungen, aber leider auch nach zwei Jahren nicht durch eine gute Zusammenarbeit zum Wohl des Kindes geprägt. Die ADHS-Diagnose wurde nicht anerkannt, der Nachteilsausgleich nicht gewährt. In einem unfassbar abwertenden Gespräch mit einer Förderschullehrerin wurde unser Kind wörtlich als "fauler Blender" bezeichnet, der bitte in der Schule "richtig rangenommen" werden sollte. Wir wurden allen Ernstes gefragt, ob uns denn klar wäre, dass Üben beim Lesen und Schreiben notwendig sei und ob wir wenigstens manchmal mit unserem Sohn Hausaufgaben machen würden. Ich war so entsetzt, dass mir keine Antworten einfielen.

Ein Sonnenstrahl zeigt sich für uns, als wir wenigstens an einer der Dutzenden (!) Schulen, an denen wir unser Kind fürs neue Schuljahr angemeldet haben, einen Gesprächstermin erhielten. Alle anderen Schulen hatten bereits auf unsere Mails, Anrufe und Aufnahmeanträge postwendend abgesagt. Man sei voll, hieß es überall. Wahlweise auch, man habe mit den ausländischen oder Integrationskindern schon genug Probleme. 
Dass dieses Gespräch nun auch noch an unserer Wunschschule, nämlich einer der beiden Dresdner Waldorfschulen, stattfand, freute uns ganz besonders. Leider hielt diese Freude und damit leider auch die Vorfreude unseres kleinen Schulkindes nur einen Tag lang, bis auch von dort die Absage kam. Dabei sollte er die ganze nächste Woche zum Schnuppern hinkommen. Es tat mir so leid, ihm von der Absage erzählen zu müssen!

Stark und wie ein Fels in der Brandung müssen wir für unser(e) Kind(er) sein, dabei sind wir selbst ganz verzweifelt, schlafen schlecht und grübeln ununterbrochen, was nach den Sommerferien nun werden soll. Allein - wir haben es nicht in der Hand. Es sei denn, wir halten uns an den "dezenten" Hinweis, den wir jetzt bereits von zwei Pädagoginnen erhalten haben: "Wandern Sie doch aus, in vielen umliegenden Ländern gibt es die Möglichkeit, Kinder zu Hause zu beschulen."

Das Verrückte: Vor der Schule ging es unserem Kind noch gut. Seit dem Schulanfang kommen immer neue Probleme und Verhaltensweisen hinzu, die wir von ihm nicht kannten und die seinem Naturell teilweise komplett widersprechen. Seitdem hören wir ununterbrochen, wir trügen die alleinige Schuld daran, wir wären eben unfähig, unser Kind gut zu erziehen. Wir haben daraufhin ein enormes Programm losgetreten, stecken einen Großteil unserer Zeit, Kraft und auch eine Menge Geld in Therapien aller Art. Nur der Erfolg, der bleibt aus. Auch nach einem Jahr mit zwei bis vier Terminen pro Woche. Zu schaffen ist das überhaupt nur, weil wir entschieden habe, dass ich nach dem Ende meines Studiums keinen Beruf ergreife, sondern mich ausschließlich ums Kind kümmere. Ich tue das gern für ihn - finde es aber gleichzeitig traurig, dass es überhaupt nötig ist.

Nun waren wir ja drei Wochen zur Kur. Das bedeutete nicht nur drei Wochen Abstand von allem hier, sondern auch drei Wochen Kinderbetreuung à sieben Stunden täglich mit rund dreißig anderen Kindern von sechs bis zwölf Jahren. Also beileibe keine Sondersituation mit wenigen Kindern bei 1:1-Betreuung. Und dennoch: Ich hatte drei Wochen lang ein liebes, ruhiges, unauffälliges Kind, dass keine einzige der von der Schule beklagten Verhaltensweisen zeigte. Und über dessen Diagnose sowohl Ärzte als auch Pädagogen und Mitpatientinnen nur den Kopf schütteln konnten. Unruhe im Speisesaal, herumrennende Kinder, die ständig vom Tisch aufsprangen? Andere, nie meines. Zappelige Kinder bei der Mama-Kind-Entspannung? Meins lag 45 Minuten lang ganz ruhig da, ließ sich massieren, Geschichten erzählen, massierte mich. Bemalte T-Shirts und Seidentücher, spielte mit mir und anderen Kindern ein Brettspiel nach dem anderen, baute mir einen indischen Elefanten aus Holz, schmirgelte Speckstein. Geduldig, bis zum Ende.
Einzig sein sehr angeschlagenes Selbstwertgefühl fiel auf, weil er sich nach zwei Jahren dauernder Misserfolge und Abstrafungen in der Schule kaum noch etwas zutraut. "Ich lerne sowieso nicht besser lesen", sagt er schon selbst, "ich lese nur noch, um das Wenige, was ich bisher gelernt habe, nicht wieder zu vergessen". Ich könnte heulen, wenn er so etwas sagt. Und die Lehrerin? Sagt, wenn er doch mal einen Erfolg hat, beim Bankrutschen gewinnt: "Ich hätte es ja besser gefunden, du hättest verloren!" (Wurde uns im Elterngespräch auch noch einmal so gesagt.) Unfassbar? Für unseren Sohn tägliche traurige Realität.

Dann die Rückkehr in die Schule nach der Kur: Keine Begrüßung, kein Nachfragen, wie es war, nicht einmal einen Sitzplatz hatte er mehr. Wie kann man nur so gemein zu einem Achtjährigen sein? Und wie kann man als Mutter sein Kind tagtäglich einer so abwertenden Umgebung ausliefern, an Menschen, die nur seine Schwächen sehen, ihm aber jede Stärke, jede positive Eigenschaft absprechen? Ich hadere schon sehr lange genau damit und bewundere Familien, die sich der Schulpflicht widersetzen. Leider ist das in Deutschland nur möglich, wenn man auf Weltreise geht - oder man hat mit sehr ernsthaften Konsequenzen zu rechnen, von denen hohe Geldstrafen noch das Harmloseste sind.

Und jetzt? Jetzt bleibt das Kind zu Hause. Krank. Ich schicke es nicht wieder dorthin. Und wenn wir bis August nichts Neues gefunden haben? Dann weiß ich auch nicht weiter. Vielleicht muss ich dann doch auf Weltreise gehen. Oder nach Polen ziehen...

Kommentare:

by Aprikaner hat gesagt…

*drück* kannste dir das Jugendamt oder die BA ins Boot holen?

sei lieb gegrüßt und viel Kraft
anja

Sonja Cremer hat gesagt…

Eine schlimme Geschichte!
Gibt es denn gar keine Stellen an die man sich wenden kann?
Anwalt, Jugendamt was weiß ich. An die Presse gehen und die Schule anklagen.... Keine Ahnung.
Ich will nicht glauben, dass man so hilflos sein soll...
Und das ihr nur Absagen bekommt....

Alles Gute!
Sonja

ciege hat gesagt…

Oh je.... *drückdich*
Ich (bzw. mein Mann und ich)*ironiemodusan* lieben unser staatliches Schulsystem sehr. *ironiemodusaus*
Es gibt auch in Sachsen tolle Schule und tolle Lehrer. Meist an freien Schulen... unser Kind hatte das große Glück an einer freien Grundschule zu lernen. (Die damalige Kindergärtnerin hatte uns geraten unser Kind nicht die Regelschule zu geben..."sie wird dort den Unterricht verweigern und eingehen wie eine Primel") Warum müssen alle Kinder zur gleichen Zeit sich für Mathe oder Buchstaben interessieren? Warum kann man nicht über andere Themen spielerich auf das Addieren und Lesen herangeführt werden?
Allerdings weiß ich, dass es unendlich schwer ist, eine Schule zu finden, wenn bereits Probleme in einer Schule aufgetreten sind. Kind mit Verhaltensauffälligkeiten - nein danke. kannst du es bei der Anmeldung verschweigen? Einen anderen Grund angeben? Persönliche Beziehungen nutzen?
Ansonsten hilft nur Durchhalten bis Klasse 5 und dann eine ideale Schule finden. Noch zwei Jahre???
Jugendamt finde ich auch eine gute Idee ... wobei ich da keine Erfahrung habe. Aber Hilfe annehmen, ist keine Schande.
Gegen die Schule stellen, hilft nicht. Unser Kind lernt inzwischen an einem staatlichen Gym. Wir gehen inzwischen weder zu Elternabend noch sonstigen Veranstaltungen... regt uns zu sehr auf. Soviel Desinteresse darf ich mir in meinen Beruf auch nicht leisten. So manchen Lehrer würde ich gern ein anderes Betätigungsfeld ohne Kinder raten.

Kopf hoch! und lass dich nicht unterkriegen, denk auch mal an dich (und nicht nur an deine Familie...)und gönne dir auch was!

LG Anja

Frau Atze hat gesagt…

Schrecklich Regina! Diese Geringschätzung und "Niedermachen" eines Kindes sind ja unfassbar! Ich kann dir leider gar nichts raten, mit einer vorbildlichen Erstklässlerin die ihr Ding macht, bin ich raus.
Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr am Ende eurer Kräfte seid!! Krank sein ist richtig so! Erstmal...
Ich wünsch euch ganz viel Kraft und einen Lichtblick!!!

LG

Stefanie hat gesagt…

Oh man, dass tut mir leid. Das hört sich echt mies an, mein (kleiner) Eindruck von der Schule war eigentlich ganz in Ordnung. Aber ich glaub dir, dass die Situation so wie sie jetzt ist einfach nicht schön ist.
Habt ihr nur die zwei Waldorfschulen als freie Schulen angefragt? In Grumbach gibt es noch eine Montessorieschule, da habe ich einiges Gutes gehört. Auch Kritik, aber es ist eh wichtig, dass es für euch passt.
Ich drück euch die Daumen, dass sich noch ein guter Weg auftut!
LG Stefanie

amber light hat gesagt…

Das liest sich ja gar nicht gut - wäre es denn eine Lösung, wenn ihr innerhalb der Stadt in einen Wunschschulbezirk umzieht? Muss dann nicht die Schulaufnahme erfolgen oder mutet man den Kindern zu, dass sie dann durch die halbe Stadt fahren?

Dani Ela hat gesagt…

Liebe Regina, jetzt muss ich mich hier auch noch mal zu Wort melden. Die letzten Tage/Wochen kam das Kommentieren zu kurz, aber Deine Beiträge habe ich immer gelesen und dieser hat mich sehr erschüttert.
Ich kann Dir leider auch gar keinen Tipp geben, will Dir aber weiterhin ganz, ganz viel Kraft und viel Durchhaltevermögen wünschen! Ihr macht das richtig, Ihr gebt alles und lasst Euch bloß nicht einreden, dass Ihr die Schuld tragt! Geht weiter Euren Weg, ich hoffe ganz sehr, dass Ihr dafür bald mit einem Schulwechsel belohnt werdet!!! (Kann man denn da nichts machen? Ist man da so hilflos der Situation ausgesetzt? Kann die Therapeutin/der Arzt nicht irgendwie mit weiterhelfen, dass die Schulsituation nicht förderlich fürs Kind ist etc.? - Ich kenn mich da halt nich so aus, kann nur nicht begreifen, dass man dem so ausgeliefert ist...)
Ich war beim Lesen des Posts wirklich erschrocken, wie verhärtet die Fronten bei Euch schon sind! Das ist mehr als schadhaft für die Psyche des kleinen Schulkindes!
Gebt nicht auf! Haltet durch! Eurer kleines Schulkind wird es Euch danken!
Ich wünsche Euch alles Gute!!!!
Ganz liebe Grüße
Dani Ela

Meeresrauschen hat gesagt…

Das ist ja unfassbar! Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen und verstehen, wieso die Lehrerin so ist. "Ich hätte es ja besser gefunden, du hättest verloren!"??!! Dass sie mit solchen Sprüchen Lehrer sein darf verstehe ich nicht. Ich drücke euch die Daumen!!!
Viele Grüße,
Kathrin

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