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Freitag, 12. Februar 2016

Der Luxus der Flüchtlinge

Dresden Gorbitz.
( = Leipzig Grünau, Jena Paradies, Berlin Marzahn, Rostock Evershagen...)
Ein Siebzehngeschosser.
An den Klingelschildern keine Namen, nur Nummern.
Zehn Türen auf einem Flur.
Sechs bis zum Einzug einander unbekannte Menschen in einer kleinen Dreiraumwohnung.
Plus Dauerbesuch von Familienmitgliedern, die in Camps oder anderen Städten untergebracht wurden.
Unsaniert.
Unrenoviert.
Teils Tapete, teils nackter Beton.
In jedem Schlafzimmer zwei Betten, ein Schrank, ein kleiner Tisch, zwei Stühle.
Keine Vorhänge, keine Rollos, keine Gardinenstange.
Gardinenstange anbringen: Nicht erlaubt.
Bilder an die Wand hängen: Nicht erlaubt.
Keine Schlüssel für die einzelnen Zimmer.
Ein winziges Badezimmer.
Einziges Möbelstück im Bad: Ein kleiner Spiegel.
Nicht einmal ein Duschvorhang.
Duschvorhangsstange anbringen: Nicht erlaubt.
Die Küche: In einem der Schlafzimmer!
Für alle!
Spüle, Herd, Waschmaschine
Kein Schrank, kein Regal, kein Tisch.


Ich schäme mich, dass hier bei uns in Deutschland Menschen so leben (wohnen? hausen?) müssen.

Und dann sagen immer noch welche:
Es geht ihnen ja sooo gut!

Dann tauscht doch mit ihnen!

Freitag, 1. Januar 2016

Hallo, neues Jahr!






Nun ist 2015 bereits Geschichte und wir schlagen ein neues Jahreskapitel auf. Nachdem wir im letzten Jahr viele Pläne über den Haufen werfen und uns auf ganz neue Situationen und Gegebenheiten einstellen mussten, viele Kämpfe auszufechten waren und unser Bedarf an unangenehmen Begegnungen und Tiefschlägen vorerst mehr als gedeckt ist, erhoffen wir uns von 2016, dass es etwas ruhiger wird.

Nach anderthalb Jahren ergebnis- und erfolgloser Diagnostik und Therapie, einem langen Krankenhausaufenthalt und einem haarsträubend schwierigen Schulwechsel haben wir uns schließlich zu dem schweren Schritt der Medikation unseres kleinen Schulkindes entschlossen. Ganz langsam sieht es so aus, als könnte er nun Fuß fassen, im Unterricht durchhalten, seine Aufgaben erledigen, mit den Mitschülern auskommen und endlich einmal Erfolge erleben und zeigen, wer und was wirklich in ihm steckt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren haben wir ein ausgeglichenes Kind, das nicht ununterbrochen reden und zappeln muss, das auch mal alleine spielen kann, das sich mehrere kleine Aufträge (Waschen UND Zähneputzen, Federmappe UND Sportzeug packen) merken kann, das im Unterricht bei der Sache bleibt, statt sich die ganze Stunde wegzuträumen, ohne es überhaupt zu merken. Langsam wird seine Schrift leserlich, er ist endlich in der Lage, eine Aufgabe bis zum Ende zu bearbeiten, kommt mit der Zeit in Klassenarbeiten hin. Die unglaubliche Angespanntheit und Gereiztheit wird langsam weniger, die Freunde und Erfolgserlebnisse mehr. Es hat lange gedauert, ihm die richtige Diagnose zu stellen, und noch einmal lange, die richtige Dosierung für sein Medikament zu finden. Erst bei einer sehr hohen Dosis schlug der Wirkstoff überhaupt an, ein deutliches Zeichen für den Schweregrad seiner Störung. Mindestens ebenso lange hat es für mich gedauert, mich mit den Tatsachen abzufinden. Ich, die ich Pädagogik studiert habe, für meine Kinder zu Hause geblieben bin, mit ihnen viel draußen war, kein Auto angeschafft habe und immer zu Fuß oder per Rad unterwegs war, Computerzeiten streng geregelt, Fernsehen auf ein Stündchen am Wochenende begrenzt und aktiv auf unsere Ernährung geachtet habe - ich habe nun ein ADHS-Kind. Das muss sich erstmal setzen.

Kurz vor Weihnachten habe ich dann sehr überraschend angefangen zu arbeiten und es wird sich zeigen, wie sich unser Familienleben mit zwei Vollzeitjob verträgt (vor allem, weil schon jetzt mindestens zwei neue Therapietermine pro Woche festgesetzt sind). Ich unterrichte nun fünf Tage die Woche sechs Stunden am Tag Deutsch für erwachsene Asylsuchende, zum Vorbereiten benötige ich zwei bis vier Stunden pro Tag. Am Ende komme ich also locker auf 40-50 Wochenstunden. Ich habe mit einem Sprachen- und einem Pädagogikstudium zwar ganz gute Grundlagen, aber fürs Unterrichten wurde ich nie ausgebildet. Didaktik, Methodik, deutsche Grammatik - all das muss ich mir von Anfang an neu beibringen. Das ist anstrengend und spannend zugleich und mittlerweile träume ich nachts von der Unterrichtsvorbereitung *ggg*. Dafür sind meine Schüler ganz lieb, sehr ehrgeizig und dankbar. Dass die Pausen nicht kurz genug sein können und die Schüler darum bitten, die Tafel abwischen zu dürfen, davon träumt vermutlich so mancher Lehrer, der Kinder und Jugendliche unterrichtet *lach*.

Meine ehrenamtliche Arbeit wird dadurch nicht mehr in dem Maße möglich sein wie bisher, Hobby und Freizeit inkl. meines Blogs auf ein Minimum reduziert werden. Basteln bedeutet im Moment meistens gleichzeitig Unterrichtsvorbereitung, z.B. das Erstellen didaktischer Materialien. Doch das macht mir Spaß, wenn dabei auch nichts herauskommt, womit ich meine Wohnung dekorieren kann (wobei ich vermute, das dem Lieblingsmann das sogar ganz recht ist...). 

Tja, und für den Sport, den ich noch nie mochte, ist nun leider, leider erst recht keine Zeit mehr *ggg*. Naja, nicht ganz, das lange Stehen macht sich sehr bemerkbar und an etwas Rückengymnastik führt wohl kein Weg vorbei. Dafür werde ich mir eine nette Anleitungs-DVD in der Bibliothek besorgen, dann fühle ich mich dabei nicht so alleine :-) Oder ich baue Sport in meinen Deutschunterricht ein und schlage so zwei Fliegen mit einer Klappe *lach*.

Es sieht also aus, als könnte ich das mit den "guten Vorsätzen" getrost vergessen, weil ich sowieso genug vorhabe. Irgendwie füllen sich meine Tage und Wochen, mein Leben überhaupt ganz von alleine, ohne viel Zutun meinerseits. Zumindest kommt mir das immer so vor.

Na dann: Lasst uns mit Freude und Elan starten und schauen, was das neue Jahr für uns bereit hält. Spannend und überraschend wird es in jedem Fall!

PS.: Nein, ich war nicht im Blumenladen, um mir heimlich etwas Frühling in die Wohnung zu zaubern. Die Narzissenzwiebeln standen noch in ihrer Palette auf dem Balkon, weil ich sie im Herbst nicht geschafft habe einzupflanzen. Durch die extrem milden Dezembertemperaturen sind sie ausgetrieben und haben angefangen zu blühen!

Montag, 16. November 2015

Keine Kerzen

Am Freitag habe ich an einem Gewinnspiel teilgenommen. Der Preis: Eine Reise nach Paris. Ich habe sie nicht gewonnen. Ich weiß auch nicht, ob sie überhaupt verlost wurde. Denn plötzlich hat sich Paris vom Sehnsuchtsort an der Seine zur Stadt des Terrors gewandelt. Seitdem gibt es kaum noch ein anderes Thema, auf allen Kanälen wird geschrieben und diskutiert, ausgewertet und analysiert, Trauer bekundet und Konsequenz gefordert. 
Und ich? Ich bin schockiert, natürlich. Wir alle sind jedes Mal wieder schockiert, wenn so etwas passiert. Obwohl es so oft geschieht, wahrscheinlich fast täglich irgendwo auf der Welt, wir erfahren es nur nicht immer. 
Schockiert, ja, aber nicht traurig. Warum sollte ich trauern? Ich habe niemanden verloren, den ich kannte, der mit nahe stand. Natürlich tut es mir leid für jeden, der einen lieben Menschen verloren hat. Aber ich bin nicht persönlich betroffen (Gott sei Dank!!!). Die Opfer von Paris sind für mich genauso fremd wie jeder tote ukrainische Widerstandskämpfer, jedes verhungerte afrikanische Kind, jeder in einem Drogenkrieg ermordete Mexikaner. Ich mache keinen Unterschied zwischen fremden Toten je nach ihrer Herkunft oder Religion. 
Andere Menschen machen allerdings scheinbar genau diesen Unterschied. Jeden Tag sterben viel zu viele Menschen auf der Welt. Aber manchmal, nur manchmal, gibt es für einige von ihnen ungeheure Trauerbekundungen, betroffene Blogposts, Kerzen und Kondolenz en masse in den sozialen Netzwerken und staatlich organisierte Schweigeminuten.
Und jedes Mal frage ich mich: Warum sind diese Menschen mehr wert als all die anderen, die irgendwo im Bombenhagel, bei Anschlägen, Naturkatastrophen, Genoziden oder aus purer Not umkommen? Warum werden manche international tagelang betrauert und andere sind nicht einmal eine Randnotiz in den Medien wert? Und warum fühlen sich manche Menschen von dem Tod Einzelner so viel mehr betroffen als vom Sterben anderer? Weil Paris uns räumlich und kulturell näher ist? Oder, böse vermutet: Weil die Opfer Europäer, Weiße, Christen waren (oder gewesen sein könnten)? Weil wir an toten Franzosen in der Stadt der Liebe noch nicht so übersättigt sind wie an toten Syrern, Afghanen, Irakern, Palästinensern oder an ertrunkenen Flüchtlingen?
Ich weiß es nicht. Aber etwas anderes weiß ich: Es ist keine Trauer, die ich verspüre, wenn ich solche Nachrichten wie die aus Paris höre oder über die Geschehnisse in der Welt nachdenke. Das Gefühl, das sich dann in mir breit macht, ist ein anderes, nämlich WUT!

WUT auf eine Handvoll menschenverachtender Idioten, die ihre verquere Ideologie aufs Grausamste verbreiten wollen und denen dabei nichts, aber auch gar nichts heilig ist.
WUT auf all die Staaten und Regierungen, die - aus welchen Gründen auch immer - vermutlich gar nicht an einem Ende der Terrorherrschaft im Nahen Osten interessiert sind.
WUT auf die Waffenhersteller, die sich eine goldene Nase an genau diesen Greueltaten verdienen und dann Sätze sagen wie "Es ist ja gar nicht die Waffe, die tötet, es ist immer der Mensch, die Waffen sind harmlos."
WUT auf Regierungen, die nicht nur wirkungsvolle Aktionen gegen IS & Co vermissen lassen, sondern aus eigenen Interessen sogar noch unterstützend wirken.
WUT auf Oppositionen, die das nicht verhindern.
WUT auf diejenigen, die diese schlimmen Ereignisse instrumentalisieren und für ihre Zwecke nutzen.
WUT auf alle, die jeden Anschlag als willkommene Gelegenheit nutzen, unsere Bürger- und Freiheitsrechte weiter gravierend einzuschränken.
WUT auf alle, denen das egal ist.
Und nicht zuletzt WUT auf diejenigen, die sich jetzt in ihrer ebenfalls menschenverachtenden Ideologie bestätigt fühlen, dass man Menschen aus bestimmten Kulturen oder Religionen lieber ertrinken oder im Krieg erschießen lassen sollte, als ihnen Asyl in Europa zu gewähren, weil das den Terror hier verhindern würde. Die Kerzen auf Facebook posten, weniger als Zeichen der Menschlichkeit gegenüber den Opfern der Anschläge, sondern viel mehr als Zeichen der Härte und Unmenschlichkeit gegenüber allen, die gerade auf der Flucht sind und hier Schutz suchen.

Da ist Wut, nichts als Wut!


Mittwoch, 7. Oktober 2015

Ein ganz besonderes Haus

Ich gehe nicht arbeiten. Das kleine Schulkind geht nicht zur Schule. Stattdessen verbringen wir seit vergangener Woche unsere Zeit hier in diesem Haus:

Wir wissen auch nach anderthalb Jahren intensiver Therapie und Diagnostik noch nicht einmnal ansatzweise, was unserem Kleinen fehlt und was ihm so große Schwierigkeiten bereitet. Es ist schwer, dabei nicht die Zuversicht zu verlieren. Immer wieder denke ich, dass wir trotz aller Mühen noch überhaupt nichts erreicht haben und vielleicht nie mehr wissen werden als jetzt. Trotzdem müssen wir uns immer wieder aufrappeln und weitermachen. Wir haben schon so ziemlich alles ausprobiert, was es gibt (inkl. Kinderpsychotherapie, Ergotherapie, Neurofeedback, Intensivdiagnostik der Ohren, Augen und der Wahrnehmungsverarbeitung, LRS-Überprüfung, Halswirbeleinrenkung weit weg für viel Geld, Gespräche mit Lehrern, anderen Eltern, Kinderarzt, amtlichem Psychiater uvm.) - ohne Ergebnis. Immer hieß es nur: irgend etwas ist mit ihrem Kind, aber wir sind uns nicht sicher, was es genau ist. AD(H)S, LRS, Wahrnehmungs- und -verarbeitungsstörungen, alles war schon im Gespräch, nichts konnte einwandfrei diagnostiziert werden. Fragen wie "Haben Sie schon einmal über Autismus nachgedacht?" oder "Hatte das Kind vielleicht Sauerstoffmangel unter der Geburt?" haben uns zwar nicht weitergebracht, aber sehr verunsichert. Ungefragte Ratschläge von "Das Kind braucht nur mal ordentlich eins auf den Po!" über "ADHS gibt's doch gar nicht, lasst ihn zum Sport gehen, dann ist alles wieder gut" bis hin zu "Da haben Sie wohl eine ganze Menge falsch gemacht in der Vergangenheit!", helfen ebenfalls nicht weiter, machen aber wütend und sprachlos - und verstärken das Gefühl, mit den Problemen alleine dazustehen. 

Nun also Kinderpsychiatrie. Kleines Schulkind und ich. Und fünf andere Familien. Sechs Kinder, die nicht in diese Welt passen. Eltern, die alles versucht haben, aber gescheitert und verzweifelt sind. Ein Team, das versucht zu helfen und eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Nichts an dem kleinen Haus direkt an der Elbe erinnert an ein Krankenhaus. Bilder an den Wänden, Window Color an den Fenstern, Herbstdeko auf dem Tisch, ein gemütliches Sofa, Kaufmannsladen und Eisenbahn auf dem Teppich, die Schränke voller Spiele und Playmobil. 
Und doch: Wie zu Hause fühle ich mich hier nicht. Der Tag ist eine Mischung aus Hektik und Langeweile. Und dem Gefühl des Fremdbestimmtseins. Wann ich wo sein muss und mit wem, wann es essen gibt, welche Regeln für das Einräumen des Geschirrspülers gelten - nichts davon kann ich selbst bestimmen. Dabei ist mir das sehr wichtig und ich fühle mich sehr schnell unwohl, regelrecht eingesperrt, wenn es nicht so ist. Die anderen sind mit sich selbst beschäftigt und fremd. Alle duzen sich, sind freundlich, ein großer Teil der Aktivitäten findet gemeinsam satt. Und trotzdem: Sechs Wochen Zusammenleben mit Menschen, die größtenteils so ganz anders sind als wir. Mit denen ich in meinem Leben sonst höchstwahrscheinlich keinerlei Kontakt hätte. Außer den Kindern gibt es keine Berührungspunkte. Ich gebe zu, dass mir das schwer fällt. Ich gebe zu, dass ich manchmal den Gedanken: "Na, kein Wunder..." bekämpfen muss. Was auch daran liegt, dass ich mich zu gern abgrenzen würde von den Eltern mit solchen Problemen. Weil ich sie selbst so gern gar nicht hätte. Weil ich mich dafür schäme. Weil ich mir selbst vorkomme wie diejenigen, auf die man mit dem Finger zeigt und sagt: "Na, kein Wunder, bei DEN Eltern."
Familienglück sieht anders aus.


Regina

Samstag, 19. September 2015

Leichte Flocken und schwere Gedanken

Manchmal sieht der Himmel aus, als hätte jemand Zitronensaft in ein Glas Milch gegossen. Wir sagen dazu "die Milch flockt" und genau so verhalten sich dann auch die Wolken. Ihr wisst nicht, was ich damit meine? Das hier:

Die Bilder habe ich gegen neun Uhr morgens an einem schönen, sonnigen Tag aufgenommen.

Noch früher am Tag, nämlich gegen halb sieben, hat mich dieses Farbenspiel vom Frühstückstisch mit der Kamera auf den Balkon gelockt. Das ist der Vorteil der Jahreszeit mit den kürzeren Tagen: Man ist zum Sonnenaufgang schon wach.

Nur eine Viertelstunde später sah der Himmel bereits so aus und noch ein wenig später waren sie Morgenzauberfarben verschwunden und der Himmel war "nur" noch blau.

Fast jeden Tag zogen aber später graue Wolken auf und schickten immer wieder Regenschauer übers Land. Und genauso gemischt wie das Wetter waren auch meine Gefühle und Gedanken zur aktuellen Situation in unserem Land. Mir fällt es zugegebenermaßen immer schwerer, in der Flüchtlingsfrage zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, mich eindeutig zu positionieren, eine Idee für eine Lösung zu entwickeln. Ich merke, dass ich viel zu wenig weiß und mir eigentlich nur meine persönliche Einstellung bleibt, um mir eine Meinung zu bilden. Mich treiben so viele Fragen um, auf die ich keine Antwort finde, auf die es vielleicht auch gar keine Antwort gibt. Warum exportiert Deutschland Waffen in Krisen- und Kriegsgebiete? Warum wird nichts gegen Schlepperbanden unternommen? Und wie könnte das aussehen? Wie viele Menschen kann Deutschland aufnehmen? Wie viel Geld kostet das und wie viel ist da? Welche Maßstäbe sollen wir für Unterbringung und Integration ansetzen, wie viele Abstriche müssen wir an unseren Idealen dabei machen? Sollen wir alle aufnehmen, die in Not sind oder machen wir nach einer bestimmten Anzahl die Grenzen dicht? Darf es uns egal sein, wie viele noch da draußen warten? Können wir die Länder vor Ort besser unterstützen? An welchen Stellen geben wir die falsche Unterstützung? Wie viel Verantwortung haben wir für diejenigen Menschen, deren Not durch unseren Lebensstil entstanden ist? Wie viel Anpassung können wir verlangen? Wie viel ist nötig, um ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten? Was genau ist eigentlich Integration? Wie kann der Arbeitsmarkt auf die aktuelle Situation vorbereitet werden? Welches Wissen benötigen Arbeitsvermittler, Sozialarbeiter, Ärzte, Pädagogen und Behördenmitarbeiter für die Bewältigung der bevorstehenden Aufgaben? Warum wirken Politik und Verwaltung völlig unvorbereitet? Warum hat man das Gefühl, es passiert viel zu wenig und das auch noch viel zu langsam?
Dazu kommen diverse Gerüchte, Verschwörungstheorien, Meinungen, die ich nicht einordnen kann. Was sind die wahren Motive der Regierungen der Welt bei dem, was sie tun oder auch nicht tun? Hätte man vorher wissen können, was gerade passiert? Ist der IS wirklich, wie manche sagen, vom irakischen Militär eingesetzt worden? Oder gar von den USA finanziert, wie mir zwei Musliminnen versichert haben? Hat irgendjemand vor, den Islam in Europa zu verbreiten, so wie es die Christen während der Kreuzzüge  versucht haben und mittels Missionierung nach wie vor tun? Steigt die Kriminalität rund um Asylbewerberunterkünfte, wie sich Anwohner beschweren, oder ist dem überhaupt nicht so, wie die Polizeistatistiken vermitteln?
Wem kann man im Moment noch glauben? Werden wir objektiv informiert oder werden die Informationen gefiltert? Hat überhaupt irgendjemand den vollen Überblick? 

Je mehr ich darüber nachdenke, lese, höre, mich damit befasse, desto mehr habe ich das Gefühl, so gut wie gar nichts zu wissen. Wie soll man sich aber eine Meinung bilden oder gar Entscheidungen treffen, wenn man dafür gar keine Grundlage hat? Ich kann nur hoffen, dass es den Verantwortlichen nicht genauso geht...

Verlinkt bei In Heaven.

Donnerstag, 9. April 2015

Fragen über Fragen



Lotta hat neulich auf ihrem schönen Blog zwölf Fragen gestellt, beantwortet und als Blogstöckchen freigegeben. Ich fand sie sehr spannend und möchte sie auch gern beantworten. Wer ebenfalls neugierig auf andere und sich selbst ist, kann hier bei Lotta alles dazu lesen.

1. Hast Du ein Vorbild oder ein Lebensmotto? 
Nein, eigentlich nicht. Aber ich bewundere Menschen, die ihrer Bestimmung gegen alle Widerstände folgen bzw. gefolgt sind, oder die sich Dinge trauen, für die ich zu ängstlich oder zu vernünftig oder zu sicherheitsbewusst bin (Weltreisen, Hobby zum Beruf machen, auswandern...).

2. Was bringt Dich zum Lachen?
Mein Mann, Kindersprüche (vor allem meiner Kinder), lustige Aussagen von Lehrern und Dozenten, Bodo Wartke, Rainald Grebe,  Bjarne Mädel, Peter Försters Sommertheater im Dresdner Bärenzwinger, Die Anstalt, Extra 3.

3. Worüber kannst Du überhaupt nicht lachen?
Sexismus, Rassismus, Krankheiten, Ausgrenzung sowie Klischees und Witze zu diesen Themen.

4. Mit was hast Du Dir zuletzt eine Freude gemacht?
Mit den nach Ostern um die Hälfte preisreduzierten Lieblingssüßigkeiten aus dem Osterregal ;-)

5. Welches Buch würdest Du niemals weggeben? 
Unsere Fotoalben!

6. Wann fühlst Du Dich am lebendigsten?
Am Meer!

7. Woran glaubst Du?
An die Veränderbarkeit von allem, was der Mensch geschaffen hat (gesellschaftliche Dogmen, Regeln, Vorurteile, Umweltzerstörung etc.).

8. Welches Thema nervt Dich im Bloggerland?
1.) Friede - Freude - Eierkuchen & selbstgemachtes 50er-Jahre-Frauenbild: Alle sind toll und modelschön und haben sich lieb, die (bevorzugt komplett weißen) Wohnungen sehen aus wie aus Schöner Wohnen, die Kinder sind wohlerzogen, posieren in Designerkleidung vor Designermöbeln, dazu werden kleine Törtchen mit perfekt manikürten Fingernägeln gereicht, natürlich in einer adretten Blümchenschürze. Die dazugehörigen Blogs tragen "Herz", "Weiß", "Fee" oder "Liebe" oder alles auf einmal im Namen - börks!

2.) Dass so viele jedem Trend hinterherrennen. Ist Kupfer in, machen alle was mit Kupfer. Neonfarben? Sieht man überall. Shabby Chic? Füchse, Eulen, Fliegenpilze? Machen alle. Wo bleibt da die Individualität und Kreativität, die (zumindest für mich) das Selbermachen ausmacht?

9. Wenn Du in die Kommunalpolitik gehen würdest, welches Problem wäre aus Deiner Sicht am dringlichsten zu lösen?
Bildungspolitik!!! Längere gemeinsame Schulzeiten statt Trennung nach 4 Jahren. Bessere Ausbildung von Lehrer_innen, vor allem im Bereich Pädagogik = weniger Fach- und dafür mehr pädagogisches Wissen und Arbeiten an der eigenen Haltung und dem Kindbild. Gemeinsame Ausbildung von Erzieher_innen und Grundschulpädagog_innen. Gleiche Bezahlung für alle im Bildungsbereich Angestellten. Bezhalte kindfreie Vorbereitungszeiten auch für Erzieher_innen. Geringere Gruppen- und Klassengrößen in Schulen und Kitas. Bildungshäuser von Krippe bis Schulabschluss. Individualisierter Unterricht statt Schema F für alle. Gleiche Lehrpläne und Prüfungen für alle Bundesländer. 
Um nur einige zu nennen ;-)

10. Was würdest Du in deinem Leben noch lernen wollen, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?
- Glasperlen machen wie Karen oder Sigrid
- ein Abendkleid oder eine Hose zu nähen
- Geduld zu haben

11. Wenn Du auf dem Flughafen wärst, wohin würdest Du spontan hinfliegen, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?
Immer in die Sonne und ans Meer! An einen weißen Palmenstrand mit türkisblauem Wasser und so schönen kleinen Hütten auf Stelzen direkt am Wasser! Mexiko, Karibik, Martinique, sowas halt. Hach!
Außerdem würde ich sehr gern mal am Rand des Grand Canyons stehen und die Mammutbäume im Yosemite Nationalpark mit eigenen Augen sehen.
Und ich habe den Wunsch, einmal Elefanten und Giraffen in ihrem natürlichen Lebensraum zu sehen, z.B. in Südafrika.

12. Wenn Du eine Einladung von einem anderen Blogger hättest, was sollte er Dir auf keinen Fall servieren?
Meeresfrüchte, Lakritze, Alkohol. Mit Saufspielen kann man mich davonjagen.



Dienstag, 20. Januar 2015

Dresden gegen den Rest der Welt


Wer hier schon länger mitliest, weiß, wie sehr ich meine Wahlheimatstadt Dresden mag. Seit wir vor knapp sechs Jahren von Leipzig hierher gezogen sind, erkunden wir Stadt und Umland in allen Facetten. Ausstellungen und Museen, Feste und Feiern, Elbwiesen und Wälder, Kirchen und Konzerte, Dampferfahrten und Weihnachtsmärkte, Wandern und Klettern - es gibt hier nichts, was es nicht gibt (ok, außer wirklich schönen Badeseen, da ist Leipzig ganz klar im Vorteil).
Doch im Moment steht Dresden nicht wegen seiner großartigen kulturellen oder architektonischen Vielfalt im Rampenlicht, sondern wegen eines vorbestraften Mittvierzigers, Herrn B., der mit seinen fragwürdigen Ansichten und Parolen seit Dezember immer mehr Menschen um sich schart, um für und gegen alles Mögliche (und Unmögliche) hier in der Stadt "spazieren zu gehen"*, wie er es nennt. Die Führungsspitze seiner Bewegung** achtet sehr sorgfältig auf ihr Image als ordentliche, rechtschaffene Bürger, die nur ihr Recht auf Meinungsfreiheit wahrnehmen und um die Zukunft unserer Gesellschaft besorgt sind. Ihr Positionspapier ist bewusst so formuliert, dass es kaum Angriffspunkte bietet. Liest man jedoch zwischen den Zeilen und hört sich an der Basis um, könnte der Widerspruch zum geschriebenen Wort kaum größer sein.
Die „Patriotischen Europäer“ demonstrieren seit zwei Monaten Montag für Montag „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ und noch gegen so einiges andere mehr. Gegen Frau Merkel sind sie ebenso wie gegen die GEZ, Gender Mainstreaming und Politik im Allgemeinen, die deutsche Asylpolitik ist ihnen ebenso ein Dorn im Auge wie die Medienlandschaft, die von ihnen nur „Lügenpresse“ genannt wird. Dass Argumente und Artikel auf ihrer offiziellen Seite gern aus Bild, Mopo oder von RTL stammen und von dort unkritisch übernommen werden, scheint dem nicht zu widersprechen. Äußert sich die Presse hingegen kritisch zur Bewegung, lügt sie oder ist gleich vom Staat zensiert worden. Gleiches gilt für den Umgang mit Andersdenkenden. Hinterfragt jemand in einem Forum oder in Kommentaren zu Zeitungsartikeln die Bewegung, entlädt sich sogleich ein Shitstorm der immer gleichen Phrasen: Alle Informationen der Gegenseite stammten aus der „Lügenpresse“, man hätte keine Ahnung, worum es wirklich ginge und sei sowieso nur ein von der „Politelite“ gekaufter und von den „Systemmedien“ fehlinformierter „Gutmensch“. Eines der beliebtesten Argumente ist allerdings der Vorwurf, man habe das Positionspapier ja nicht einmal gelesen, da stünde ja alles drin, worum es geht. 
Ich habe es gelesen. Und die Appelle des Herrn B. auf seiner Facebookseite. Und wochenlang Diskussionen in Foren und auf Facebook und in Kommentarfunktionen von Tageszeitungen verfolgt. (Dafür sollte ich Schmerzensgeld bekommen, das war wirklich gruselig!) Sachargumente? Diskussionen ohne grobe Beleidigungen? Fehlanzeige. Leider. Dafür Beleidigungen der übelsten Art gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, Politikern, Gegendemonstranten und überhaupt allen, die anders denken oder die Bewegung hinterfragen. Es wird gepöbelt und geschimpft, was das Zeug hält, nicht selten geht es massiv unter die Gürtellinie. Und ja, die Anzahl rassistischer Statements ist groß, riesengroß. Was im Positionspapier bewusst ausgelassen wurde, verstärkt sich an der Basis umso mehr.
Ich stelle mir da so einige Fragen:
1.) Haben diejenigen, die sich in den Kommentaren derart fremdenfeindlich äußern, jemals das Positionspapier gelesen? Dort steht nämlich wörtlich, dass verfolgte Menschen aufzunehmen und human unterzubringen seien.
2.) Haben diejenigen, die immer wieder behaupten, die Bewegung habe mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit überhaupt gar nichts zu tun, jemals die Kommentare ihrer Mitdemonstranten gelesen?
3.) Haben sie, ihrer eigenen Argumentation von der genauen Kenntnis der Gegenseite folgend, eigentlich den Koran schon gelesen, gegen den sie so protestieren?
4.) Wenn die Führung es wirklich ernst meint mit ihrer Aussage, rassistische Elemente gehörten nicht zu ihrer Bewegung - warum distanzieren sie sich dann nicht öffentlich davon? Nicht einmal eine Moderation der üblen Kommentare und Posts in den Foren findet statt!
5.) Warum nennt man sich "Europäer", wenn man sich eindeutig kritisch zu Europa äußert, mit der extrem europhoben AfD sympathisiert, auf den "Spaziergängen" ausschließlich die Fahnen Deutschlands und der deutschen Bundesländer wehen und "deutsch" eines der häufigsten Worte auf den Transparenten ist?
6.) Wenn eine Partei absoluten Mist verbockt, sagen sie dann auch: "Aber im Programm, da stehen doch lauter ganz tolle Dinge, messt die Partei doch bitte an ihren warmen Worten und nicht an ihren Taten" - so, wie sie es für sich einfordern?

Ich verstehe nicht, wie man mit dieser Bewegung sympathisieren kann. Sicher läuft bei Weitem nicht alles richtig in diesem Land. Aber gemeinsam mit offensichtlichen Hooligans, Rechten und Rassisten und einem kriminellen Anführer auf die Straße zu gehen und gegen andere, oftmals schwächere Menschen zu hetzen, halte ich definitiv für den falschen Weg. Deshalb gehe ich auf jede Gegenveranstaltung – auch um zu zeigen, dass Dresden nicht nur aus "patriotischen Europäern" besteht. Dieses Zeichen, vor allem für die Welt außerhalb Dresdens, finde ich wichtig. Aber es reicht nicht, einmal in der Woche im Regen auf die Straße zu gehen. Davon verändert sich nämlich noch nichts. Aus diesem Grund engagiere ich mich seit vielen Jahren als Gründungsmitglied einer aktiven Gruppe unserer Hochschule gegen Diskriminierung jeglicher Art. Ich hinterfrage meine eigenen Vorstellungen und Urteile immer wieder und gehe bewusst auf Menschen zu, die mir fremd sind. Ich erziehe meine Kinder zu offenen und toleranten Menschen. Und wenn in der nächsten Woche nur wenige Straßen weiter das neue Asylbewerberheim öffnet, werde ich vor Ort sein und meine Hilfe anbieten.

Und da gibt es noch etwas, das ich nicht verstehe:
Auf der einen Seite sind da die Menschen, die vor Krieg und Armut ihre Heimat verlassen mussten, mit leeren Händen hier stehen, niemanden kennen, kein Wort verstehen und mit vielen anderen teils menschenunwürdige Massenunterkünfte teilen müssen.
Auf der anderen Seite sind die, die das große Glück haben, in einem freien und reichen Land geboren zu sein, in einem geordneten Sozialstaat zu leben und trotzdem gegen alles Fremde auf die Straße gehen.
Und dann kommen immer wieder welche, die meinen, man müsse die Sorgen und Ängste der Menschen Ernst nehmen.
Die der Demonstranten in dem reichen Land, wohlgemerkt.

 
Noch schlimmer als die Aussagen und groben Beleidigungen der Mitglieder finde ich jedoch deren Wirkung auf unsere Stadt einerseits und den Rest der Welt andererseits. Ich habe das Gefühl, dass Stammtischparolen plötzlich wieder salonfähig werden und sich einige Menschen berechtigt fühlen, unter dem Deckmantel der „freien Meinungsäußerung“ andere Menschen oder ganze Bevölkerungsgruppen öffentlich zu beschimpfen und zu verunglimpfen. In Dresden selbst bekommen das vor allem Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zu spüren. Viele sehen sich jetzt verstärkt Anfeindungen und Beleidigungen ausgesetzt. Es ist, als wäre bei den Anhängern dieser fragwürdigen Bewegung auch noch der letzte Rest Anstand verloren gegangen. Eine meiner türkischen Bekannten hat Dresden bereits verlassen, eine Freundin aus Südamerika (die hier verheiratet ist, Kinder hat und nach ihrem Studium hier Vollzeit arbeitet und damit laut P***a in Deutschland sehr willkommen ist) lebt seit Beginn der Demonstrationen in ständiger Angst. Gehässige Kommentare auf offener Straße, ein Abrücken von ihr in der Straßenbahn oder „Ausländer raus!“-Rufe auf ihrer Arbeitsstelle sind für sie seitdem an der Tagesordnung. Montags traut sie sich – wie viele Menschen, denen man ihre Herkunft ansieht – kaum noch auf die Straße. Dass sie weder kriminell noch ein von der P***a so sehr verachteter „Wirtschaftsflüchtling“ ist, kümmert keinen. Da mangelt es leider an der nötigen Differenzierung.
Aber auch außerhalb Dresdens bemerke ich eine starke Tendenz zu Intoleranz und Vorverurteilung. Damit meine ich aber noch nicht einmal diejenigen (und das werden nicht wenige sein), die insgeheim mit dem sympathisieren, was zur Zeit hier geschieht. Ich meine die vielen Menschen in Deutschland und der Welt, die angesichts der aktuellen Vorfälle ihre eigenen Vorurteile gegen Dresdner, Ostdeutsche und Deutsche im Allgemeinen hervorholen und ebenso laut zu Gehör bringen. Kommentarfunktionen und Foren sind voll von üblen Beschimpfungen und gut gehegten Feindbildern gegenüber den Menschen, die hier leben. Da wird verallgemeinert, alles in einen Topf geworfen, nicht differenziert – Stammtischgehabe vom Feinsten. Und das ist keinen Deut besser, als das Verhalten des Gefolges von Lutz B.! Es ist genau das Gleiche, nur mit einem anderen imaginären Feindbild! Denn Intoleranz und Vorurteile bleiben Intoleranz und Vorurteile – egal, wem gegenüber.
Deshalb habe ich ein große Anliegen an alle Menschen, ob Jung oder Alt, in Ost oder West, in Deutschland oder anderswo: Seid offen füreinander! Lasst euch nicht von euren oder fremden Vorurteilen leiten! Werft nicht alle Menschen in einen Topf, nur, weil ihr sie nicht kennt oder ein kleiner Teil von ihnen negative Schlagzeilen macht! Dresden ist NICHT P***a! 20.000 „Spaziergänger“ (von denen laut einer Umfrage die Hälfte nicht aus Dresden kommt) vertreten nicht über 500.000 Einwohner Dresdens, geschweige denn 4 Mio. Sachsen oder 13 Mio. Ostdeutsche.
Kritisiert die einzelnen bedenklichen Strömungen, macht euch stark dagegen, aber setzt ihnen vor allem eins entgegen – etwas, das sie selbst nicht haben, können, wollen: Ein Miteinander statt eines Gegeneinanders. Ein Hinterfragen von Vorurteilen und Klischees, auch der eigenen, oftmals bequemen. Der Blick über den eigenen Tellerrand. Das persönliche Kennenlernen von Fremden, bevor man sich eine Meinung über sie bildet. Das Ersetzen von Gerüchten durch verlässliche Informationen und sachliche Fakten. Eine aktive Mitarbeit gegen Missstände in Stadtparlamenten, Parteien, Bürgerinitiativen, statt nur am Stammtisch und im Internet zu schimpfen. Offen sein. Neugierig bleiben.
Das ist es, was ich mir in diesen Zeiten am meisten wünsche! Von allen Seiten.


* Alle in Anführungszeichen genannten Begriffe in meinem Text stammen aus der Bewegung selbst, nicht von mir.
** Ich nenne den Namen dieser Bewegung bewusst nicht, weil er erstens weithin bekannt ist und ich zweitens kein Interesse an Besuchern auf meinem Blog habe, die danach suchen.


PS.: Am Tag der Anschläge in Paris schrieb ich besorgt einer Freundin folgende Zeilen: "Ich weiß nicht, ob das panisch ist, aber ich mache mir auch Sorgen, dass die Demos der P***a solche Anschläge wie den in Paris anziehen könnten..."
Gestern wurden hier sämtliche Demos und Kundgebungen wegen einer Terrorwarnung abgesagt.... 

Montag, 12. Januar 2015

Bloggerstille

Im Moment geschehen so unerträgliche Dinge um uns herum, in unserer Stadt, unserem Land, der ganzen Welt. Da kann ich nicht bloggen. Nicht Törtchen backen, Kleidchen nähen, Dekoschnickschnack aufstellen. Und auch nicht drüber bloggen oder anderswo davon lesen. Auch finde ich noch keine richtigen Worte, um über all das zu schreiben. Deshalb bleibt es hier wohl noch eine Weile ruhig und ich kommentiere auch kaum bei euch.

Dienstag, 9. Dezember 2014

9. Türchen: Adventsgeplauder

Lotta lädt dazu ein, etwas Persönliches über sich und die Weihnachtszeit zu verraten. Dieser Einladung komme ich gern nach und trage mal ein paar (vor-)weihnachtliche Fakten zusammen:


Weihnachten & Ich, das bedeutet...

* ... die für mich mit Abstand schönste Zeit des Winters hat begonnen.

* ... jeder Winkel in der Wohnung wird weihnachtlich geschmückt.

* ... ich würde am liebsten vier Wochen lang nichts anderes tun als Plätzchen zu backen, zu basteln, zu nähen und Geschenke auszusuchen und zu verpacken.

* ... ich freue mich bei jedem Spaziergang über die vielen schön geschmückten Fenster.

* ... mein Engelorchester wächst Jahr für Jahr.

* ... ich kann endlich wieder Weihnachtslieder hören - vom Weihnachtsoratorium über Kinderchöre und ja, auch "Last Christmas" ;-)

* ... mindestens einmal MUSS ich meinen allerliebsten Lieblingsweihnachtsfilm "Love actually" anschauen!

* ... unser Verbrauch an Kerzen & Räucherkerzen steigt rapide an.

* ... das gleiche gilt für meinen Schokoladenkonsum ;-)

* ... ich suche aus jedem Monat des (fast) vergangenen Jahres die schönsten Fotos aus und gestalte damit Kalender für alle Omas & Opas. Dabei kann man wunderbar das Jahr Revue passieren lassen.

* ... ich habe Ideen zum Backen, Basteln, Dekorieren etc. für mindestens 100 Adventstage.

* ... ich bin mit diversen Postboten quasi per Du.

* ... ich hantiere mit zwei Taschenkalendern und Familienplanern gleichzeitig, weil mehr und mehr Termine fürs neue Jahr geplant werden wollen.

* ... im Wohnzimmer kann man vor lauter Weihnachtsschmuckkisten, Geschenkpapierstapeln, Geschenkevorratskisten und angefangenen Weihnachtskarten kaum noch treten.

* ... wir gehen mindestens einmal, meistens zweimal in Oper, Theater oder Konzert. Im letzten Jahr waren das "Der Zauberer von Oz", "Die Weihnachtsgans Auguste" und das Adventskonzert des Deutsch-Französischen Chores Dresden. In diesem Jahr waren wir bereits in "Aladin und die Wunderlampe", während "Willie, der Weihnachtsstollen" noch bevorsteht.

* ... Weihnachtsmarktbesuche gehören zu meinen absoluten Highlights, egal, wie voll es da ist.

* ... es gibt öfter mal den leckeren Kinderpunsch von Alnatura bei uns. 

* ... jedes Jahr kommt mindestens eine ganz besondere Christbaumkugel bzw. ein anderer Anhänger zu meiner Sammlung hinzu.

* ... ich schreibe sehr, sehr viele Weihnachtskarten, die ich jedes Jahr wieder bei Unicef kaufe bzw. bestelle. 

* ... finde ich es gar nicht so leicht, meinen Wunschzettel zu schreiben, weil meine Wünsche entweder ziemlich groß (neues Kameraobjektiv, Lastenfahrrad...), ziemlich persönlich (Zeit allein mit meinem Mann!), ziemlich speziell oder gleich unerfüllbar (nie wieder Ärger mit der Schule!) sind und ich vieles dann doch gern selbst aussuche (und Gutscheine in der Verwandtschaft leider gar nicht beliebt sind)

* ... klassischen Christstollen mag ich nicht so gern, aber dafür Mohnstollen, hmmmm.

* ... träume ich ein paar Weihnachtsträume: 

* ... vom selbst geschlagenen Baum aus dem Winterwald, was bisher leider immer an der entfernten Lage der Weihnachtsbaumschlagstätten und dem Mangel an einem fahrbaren Untersatz scheiterte. Aber vielleicht, irgendwann...

* ... vom Ausflug ins Weihnachtsdorf nach Seiffen

* ... von einer romantischen Schlittenfahrt mit Pferdekutsche im Schnee

* Einmal würde ich Weihnachten auch gern unter Palmen verbringen.


Und was gehört für euch an Weihnachten unbedingt dazu?


Mittwoch, 15. Oktober 2014

Ich im Medienland

Der einen oder dem anderen ist er vielleicht aufgefallen, der kurios kleine Röhrenfernseher auf einem meiner Wochenbilder. Falls ihr gedacht habt, das ist das Ersatzgerät im Kinderzimmer - Fehlanzeige. Diese winzigen 35 cm Bildschirmdiagonale (also umgerechnet gerade mal 14 Zoll) stehen bei uns im Wohnzimmer. Und das, wo Hersteller und Elektronikmärkte sich mit ihren Fernsehern gegenseitig überbieten (50 Zoll, 65 Zoll, 80 Zoll, Curved, HD, Full HD, LED Backlight undwasweißichnichtnochalles). Nein, ganz großes Kino ist das wahrlich nicht. Das können die Lichtspieltheater mit ihren großen Leinwänden eh viel besser. Außerdem bin ich es nicht anders gewöhnt, da geht das schon. 
Bis zur Wende, also in meinen ersten neun Lebensjahren, bestand die elektronische Medienwelt für mich aus genau vier Geräten: einem uralten Radio, einem flachen Kassettenrecorder, einem Plattenspieler für Traumzauberbaum, Gerhard Schöne, Schlaps & Schlumbo & Co. und einem winzigen Fernsehgerät. Das hatte ganze drei (!) Sender und die auch noch in schwarz-weiß. Wir besaßen es auch nur, weil es irgendjemand nicht mehr brauchte und uns geschenkt hat. Wenn man das heute jemandem erzählt, vor allem jüngeren Menschen, glauben die, ich wäre kurz nach der Steinzeit groß geworden. Mindestens aber im tiefsten Mittelalter. Wir guckten Sandmännchen, Märchenfilme, Das Spielhaus und noch eine Handvoll andere DDR-Kindersendungen, hörten unsere Lieblingsplatten und gut war's. Dazu kamen noch die klassischen Medien Buch und Zeitschriften. Natürlich lasen wir den Bummi, später die Frösi und Fix & Fax. Und Bücher, massenweise Bücher. Viele davon habe ich heute noch, weil meine Eltern die meisten aufgehoben haben.

Als die Mauer fiel, kauften meine Eltern als erstes ein neues Radio. Eines mit - Achtung - Doppelkassettendeck! Das stand fortan in der Küche, ganz oben auf dem Küchenschrank, und durfte auch nur dort benutzt werden. Neben dem Radioprogramm liefen dort auch gern mal Udo Lindenberg und Reinhard Mey, deren Hits bereits zu DDR-Zeiten in Westpaketen zu uns gereist waren. Auf von Hand überspielte Kassetten natürlich. Der Fernseher blieb, wenn auch die Programme wechselten. Mehr wurden es nicht, da Kabelanschluss oder Satellitenschüssel, sehr zu unserem Leidwesen, für meine Eltern nicht in Frage kamen. Wie gern nutzen da vor allem meine jüngeren Brüder jede Gelegenheit, im nagelneuen, riesengroßen Fernsehgerät bei Oma und Opa die neuesten Trickfilme zu gucken. Ich erinnere mich z.B. an die Pferde-Serie Fury, die bereits damals 30 Jahre auf dem Buckel hatte. Zuhause setzten wir uns manchmal gleich nach der Schule vor die Glotze, vor allem immer dann, wenn Richard Dean Anderson als Mac Gyver seinen Vokuhila und seine genialen Bastelideen aus Büroklammern und alten Kaugummis präsentierte.

Ein absolutes Highlight modernster Technik hielt 1990 in unserem Wohnzimmer Einzug, als meine Eltern in einer der neu gegründeten Videotheken einen Videorekorder ausliehen und wir uns unsere allererste Videokassette anschauten: Go Trabi Go liebe ich bis heute, ich habe den Film schon unzählige Male gesehen. Leider musste das Wunderteil aka Videorekorder schon nach wenigen Tagen zurück gebracht werden und wir hatten bis zu meinem Auszug neun Jahre später keinen eigenen. Deshalb hatte ich zu meinem zwanzigsten Geburtstag einen ganz besonderen Wunsch: Von allen zusammen wünschte ich mir ein kleines Fernsehgerät mit integriertem Videorekorder für meine erste eigene Wohnung:

Das Philips-Gerät in schickem Silber war damals mit das modernste auf dem Kompaktfernsehermarkt und endlich nicht mehr so hässlich schwarz wie die meisten technischen Geräte. Ich schaute zahlreiche Filme damit, kaufte mir einige meiner liebsten Disney-Märchenfilme (ja, ich mag die!) und ließ mir Amélie auf Französisch extra aus Frankreich mitbringen. DVDs, auf denen standardmäßig mehrere Sprachen mitgeliefert werden, gab es damals noch nicht. Wollte man einen Film im Original ansehen, musste man sich das Video im entsprechenden Land besorgen und dabei unbedingt darauf achten, ob die Videoformate dort zu unseren Geräten hier passten.
Was ich nicht ahnen konnte: Der unaufhaltsame Siegeszug der CD/DVD hatte bereits begonnen. Nicht mehr lange und kein Mensch würde sich noch Videos ansehen, ausleihen oder aufnehmen. Aber das ist eine typische Begleiterscheinung unserer modernen Medienwelt: Kaum hat man sich an ein Gerät, ein Format, eine Technologie gewöhnt und kann es/sie sich leisten, ist es/sie längst überholt, das Neueste vom Neuesten türmt sich in den Elektronikfachmärkten und die Technik von übermorgen steht auch schon in den Startlöchern.

Dennoch stand dieser Fernseher bis vor wenigen Jahren noch bei uns im Wohnzimmer. Dann starb eine alte Tante meines Mannes und hinterließ unter anderem einen großen Röhrenfernseher. Zu dieser Zeit hatte aber praktisch jeder längst auf Flatscreen umgesattelt und so hatte niemand Bedarf an diesem sehr großen, sehr schwarzen "Monstrum". Außer uns. Wow, das war ja ein ganz neues Fernseherlebnis in dieser Größe! Da lohnte es sich ja regelrecht, auch mal eine DVD in der Stadtbibliothek auszuleihen und einen Heimkinoabend mit Popcorn zu machen. Das mit den DVDs war auch nötig, denn allzuviel Brauch- bzw. Sehbares läuft ja nicht, ungeachtet der gefühlten Viertelmillion verschiedener Sender. Da wir uns auch vom Bezahl- und Privatfernsehen keine Niveausteigerung erwarteten (hohoho), blieben wir bei den dritten Programmen, schauten ab und zu was Bildendes und sonst einfach gar nix (ganz ehrlich: jeden Abend Tierdokus kann ich einfach nicht *ggg*). Kein Wunder, dass die Kinder sich in der Ostsee-Ferienwohnung als erstes auf den großen Bildschirm mit den vielen Trickfilmsendern stürzten.


Allerdings hatte das gute Bildempfangsgerät zu Hause wohl in seinem Leben schon zu viele Volksmusiksendungen u.ä. senden müssen, zumindest gab es in diesem Sommer endgültig seinen Geist auf. Wir waren halb traurig, halb froh, konnten wir doch nun endlich auch mal ein Auge auf die schicken flachen Geräte werfen, die in jedem Werbeprospekt flimmerten. Wir wälzten also Prospekte und klickten uns durch TV-Text-Internetseiten und hatten bald eine Vorstellung von unseren Wünschen. Wobei ich zugegebenermaßen am meisten mit Beamer und Leinwand liebäugelte, weil wir eben nie Tagesschau oder Frühstücksfernsehen, sondern ausschließlich Spielfilme gucken und ich das Kinoerlebnis so mag (das war finanziell zwar im Leben nicht drin, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen *ggg*). 

Dann kam aber alles ganz anders. Das kleine Schulkind bekam nach über einem Jahr auf der Warteliste endlich den ersehnten Platz für Musikunterricht (Flöte) am Heinrich-Schütz-Konservatorium. Das große Schulkind wünschte sich neben seinem Programmierkurs am Schülerrechenzentrum regelmäßiges Klettern in der Kletterhalle und für die Sommer- und Herbstferien fanden beide tolle Ferienlager für sich. Eine Rechnung nach der anderen trudelte hier ein und spätestens bei dem sehr hohen dreistelligen Betrag für die Musikschule war klar: Fernseher is' nich'. Größere Fahrräder brauchen beide auch demnächst und der Preis für die Kinderbrille des kleinen Schulkindes stand meinen Brillen in nichts nach. Eher im Gegenteil: Meine letzte hat die Hälfte von seiner gekostet.

Und so ist geschehen, was wir nie gedacht hätten: Wir haben meinen kleinen Philips-Fernseher wieder hervorgeholt. Fast wäre auch das gescheitert, denn der Lieblingsmann will diesen seit einigen Jahren schon loswerden. Allein sentimentale Gründe meinerseits haben dafür gesorgt, dass er noch bei uns ist. Für die Sendung mit der Maus reicht der schon noch, aber ich gebe auch zu: Spielfilme machen in "Briefmarkengröße" einfach keinen Spaß. Muss ich halt jetzt öfter mal ins Kino gehen :-) Oder Filme am PC schauen, was wir schon öfter machen. Mediatheken & DVDs haben ja den für Eltern unschätzbaren Vorteil, dass die Filme erst starten, wenn auch wirklich das letzte Kind ins Bett gebracht, die letzte Geschichte gelesen und der letzte Gutenachtkuss verteilt ist :-)

Musik höre ich nach wie vor sehr gerne und das geht zum Glück auch prima zu Hause. Auf die gekauften, geschenkten und selbst überspielten Kassetten (Eros Ramazzotti! Sandra! Roxette!) folgten regalmeterweise CDs, die ich in der schnuckeligen kleinen Kompaktanlage (in Silber!) hörte, die mir meine Eltern zum 18. Geburtstag geschenkt hatten. Mittlerweile befindet sich meine Musiksammlung komplett auf dem PC, ergänzt durch zahlreiche Onlinekäufe und (legale, bezahlte!) Musikdownloads. Meine Kinder haben hingegen jeder eine eigene Minianlage bekommen, noch mit Kassettendeck, um z.B. meine alten Bibi-Blocksberg- und Benjamin-Blümchen-Kassetten zu hören. Doch auch bei ihnen haben längst MP3-Player und Smartphone Einzug gehalten. Meine kleine Anlage steht zwar noch hier, liest aber keine gekauften CDs mehr ein, nur noch gebrannte (!). Ich fürchte, sie steht - wie schon der kleine Fernseher - nur noch aus nostalgischen Gründen hier. Aber wer weiß, vielleicht brauchen wir sie ja eines Tages ganz überraschend wieder? *zwinker*

Und wie Filme und Musik, sind auch viele Bücher bei mir bereits in elektronischer Fassung vorhanden und werden auf meinem schönen roten Sony Reader gelesen. Die Anzahl der elektronischen Geräte hier im Haushalt ist unüberschaubar geworden (die der Ladegeräte leider ebenfalls). Aber zu meinen Erlebnissen rund um die modernen Kommunikationstechnologien erzähle ich euch ein andermal etwas.



Freitag, 3. Oktober 2014

Wendezeiten - Zeitenwende

Heute vor genau 24 Jahren geschah eines der größten Wunder der neueren Geschichte: Aus der DDR und der BRD wurde nach über 40 Jahren der Trennung endlich wieder ein Land! Ein Jahr zuvor hatten friedliche und massenhafte Proteste in der gesamten DDR zum Rücktritt der Regierung und zum Fall der Berliner Mauer am 9. November geführt. Am 30. September 1989 durften nach langen Verhandlungen mehrere Tausend Flüchtlinge aus der westdeutschen Botschaft in Prag in die BRD ausreisen - mussten dafür jedoch noch einmal DDR-Territorium überqueren, wie es Honecker zur Bedingung gemacht hatte. Dazu gibt es einen sehr bewegenden Dokumentarfilm.
Ich war damals 9 Jahre alt und konnte die Ereignisse natürlich noch nicht in ihrer vollen Tragweite erfassen. Gänzlich unbedarft war ich jedoch auch nicht. Was das Leben in der DDR und die deutsche Teilung bedeutete, bekamen meine Familie und ich tagtäglich zu spüren: Meiner Mutter wurden Abitur und Studium verweigert, mein Vater befand sich als Künstler und vor allem nach seiner Erwachsenentaufe im Visier der Stasi. Die Brüder meiner Mutter hatten die Schikanen und Einengungen der DDR-Regierung nicht ausgehalten und waren bereits als junge Männer gen Westen geflüchtet bzw. ausgereist. Damit war die Familie 10 Jahre lang getrennt, Begegnungen waren nur unter großen Umständen möglich, bspw. bei einem gemeinsamen Ungarn-Urlaub. Meine Cousine sah ich vor der Wende nur ein einziges Mal, da waren wir beide vier und fünf Jahre alt. In der Schule waren meine Brüder und ich die einzigen, die keine Pioniere waren. Ein Affront, den wir zu spüren bekamen. Meine Wahl zur Klassensprecherin - damals "Gruppenratsvorsitzende" genannt - wurde abgelehnt. An gemeinsamen Veranstaltungen wie Pioniernachmittagen durfte ich nicht teilnehmen. Vor allem aber durfte ich unter keinen Umständen Klassenbeste sein und mir beim Direktor eine Auszeichnung für mein sehr gutes Zeugnis abholen. Jedes Jahr wieder wurde mir die Tochter eines SED-Parteigenossen unter irgend einem Vorwand vorgezogen. Einen Vorteil hatte das Ganze aber: Da ich - ohne Pionierhemd und blaues Halstuch - eine Schande für die Klasse war, musste ich nach einer Weile nicht mehr an den fürchterlichen Fahnenappellen teilnehmen. Was das ist? Marschieren im Gleichschritt auf dem Schulhof unter dem Bild des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker.
Was es jenseits der Mauer gab, wussten wir aber aus den zahlreichen Paketen, die uns "von drüben" erreichten. und von dem, was meine schwerbehinderte Omi von ihrer jährlichen Westreise mitbrachte (Mit einer Schwerbehinderung erhielt man leichter ein Reisevisum.). Besonders erinnere ich mich an die kleinen Fanta-Päckchen und den Plüschhasen, den mir eine Westverwandte meiner Oma zum 1. Geburtstag schenkte (und der heute noch auf meinem Bett sitzt!). Sehr gemocht habe ich auch die wunderschönen Dirndl, die in den Kleiderpaketen einer mir unbekannten Bekannten aus der BRD steckten. Und die überspielten Udo-Lindenberg-Kassetten. 
Mit dem Mauerfall wurde plötzlich alles anders. Unser ganzes Leben stand Kopf. Meine Schule, bis dahin eine klassische "polytechnische Oberschule" mit Klasse eins bis zehn wurde zur Grundschule umfunktioniert und wir mussten sie verlassen. Aber wohin? Bis dahin kannten wir es doch gar nicht anders, als bis mindestens zur achten Klasse gemeinsam die Schulbank zu drücken. Unsere Eltern und Lehrer konnten uns in dieser Situation auch nicht begleiten, hatten sie doch mit dem neuen System ebenso wenig Erfahrungen wie wir selbst. Wir mussten uns unseren Weg ganz neu und ganz allein suchen.
Wir zogen aus unserer Wohnung aus und kauften ein Haus. Wir hatten erstmals ein Auto - einen knallblauen Wartburg. Die waren jetzt nämlich spottbillig, wo doch alle nur noch VW und Peugeot kauften. Zum ersten Mal hatten wir nun auch ein Telefon zu Hause. Es gab neues Geld. Mickymaushefte. Überraschungseier. Und Glitzerhaarspangen. Meine Großeltern kauften sich ein neues Sofa, ich durfte es mit aussuchen. Ich wählte ein schwarzes mit violetten Kissen, farblich damals absolut topmodisch. Den meeresblauen Opel von Oma und Opa habe ich auch mit ausgesucht. Ich bekam die heiß ersehnte Barbie und meine Mutter verlor ihre Arbeit. Doch nicht nur das: Ihr Beruf wurde komplett aberkannt. Sprechstundenschwestern, eine Kombination aus Sprechstundenhilfe und Krankenschwester, gab es in der BRD nicht, nur entweder das eine oder das andere. Also wurde der DDR-Beruf im Nachhinein als nicht existent eingestuft. Für die Menschen mit diesem Beruf bedeutet das: Sie waren von heute auf morgen ungelernt. Und da die Wiedervereinigung leider nur auf dem Papier eine Vereinigung beider Staaten war, in Wirklichkeit aber eine Annexion der DDR an die BRD darstellte, bei der hier kritik- und gedankenlos alles einfach übernommen wurde, wurden zahlreiche Dinge von einem Tag auf den anderen ausgelöscht. Ob sie gut oder sinnvoll waren oder nicht, spielte dabei keine Rolle. Mehr Geduld, mehr Augenmaß wären nötig gewesen, aber zu diesem Zeitpunkt konnte es vielen scheinbar nicht schnell genug gehen. Auf diese Weise haben wir z.B. ein (bis auf den Staatsbürgerkundeunterricht natürlich) wirklich gutes Schulsystem eingebüßt, das die PISA-Gewinnerländer seinerzeit von hier übernommen hatten. 
Meine Mutter begann noch einmal ganz neu und arbeitete sich in den Beruf der Sachbearbeiterin ein. Was sie seitdem bearbeitet, sind die Akten des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes (Stasi) - sehr brisantes und belastendes Material, vor allem, wenn man die Zeit selbst miterlebt und unter dem System gelitten hat. Aber die einzige sichere Arbeitsstelle, wenn man plötzlich ungelernt ist, aber drei Kinder zu versorgen hat. Und ein Hauskredit abgezahlt werden muss. Als dieser fast getilgt war, lag jedoch plötzlich ein Schreiben eines Anwalts im Briefkasten: Für das Haus seien von den Erben der ehemaligen, von der DDR nach der Ausreise in die BRD enteigneten Besitzer Rückübertragungsansprüche angemeldet worden. Der Kaufvertrag wurde für ungültig erklärt und uns blieb nur die Wahl: ausziehen oder das Haus noch einmal kaufen. Eine Anrechnung der bereits bezahlten Summe erfolgte natürlich nicht, denn die ging ja an einen anderen Besitzer. Als 1989 der Kaufvertrag unterzeichnet wurde, hatte niemand die Möglichkeit solcher Ansprüche erwähnt. Auch die rückwirkende Festsetzung des Stichtages, ab dem Kaufverträge ungültig wurden, war nicht zu erahnen gewesen. Erst recht nicht, dass unser Kaufvertrag nur einen Tag nach diesem Stichtag geschlossen wurde. Von diesen Tiefschlägen hat sich meine Familie nie wieder richtig erholt. Meine Mutter wurde schwer krank, die Ehe meiner Eltern scheiterte, wir Kinder litten unter der Unsicherheit, dem Streit, der Krankheit, dem ständig fehlenden Geld.
Und dennoch finde ich die Wende als Ganzes eine großartige Sache! Weil sie erstens so beispiellos friedlich verlaufen ist. Das wird mir angesichts der Kriege und Krisen in der Welt immer wieder aufs Neue klar. Der Arabische Frühling verlief mit viel Gewalt, in Ägypten eskalierten die Proteste gegen die Regierung, der Maidan in der Ukraine wurde blutig bekämpft, in Hongkong droht die Polizei den Demonstranten der Regenschirmproteste. Meine Eltern waren damals nie gemeinsam auf die Montagsdemonstrationen gegangen, aus Angst, wir Kinder würden allein bleiben, wenn es zu Verhaftungen käme. Zum Glück blieb diese Befürchtung unbegründet. Leipzig feiert diese bewegenden Massendemonstrationen jedes Jahr am 9. Oktober mit einem großen Lichterfest.
Der zweite Grund für meine Begeisterung für die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 ist folgender: Nichts von dem Leben, das ich seit 25 Jahren führe, wäre ohne diese Ereignisse möglich gewesen! Nach der 4. Klasse hätten mich mit dem Übertritt meiner Klassenkameraden zu den Thälmann-Pionieren und später in die FDJ weitere Repressalien erwartet. Abitur und Studium hätte ich völlig vergessen können. Ebenso meine eigene kleine Wohnung mit 19 (für alle, die es nicht wissen: In der DDR war Wohnraum derart knapp, dass man erst nach der Hochzeit, manchmal erst nach der Geburt eines ersten oder gar zweiten Kindes eine eigene Wohnung zugewiesen bekam und bei den Eltern ausziehen konnte). Die Schüleraustausche nach Frankreich. Die Urlaubsreisen quer durch Europa. Das Auslandssemester in Belgien. Bücher, Musik und Filme aus der ganzen Welt. Die inspirierende Professorin aus Germersheim und die nach der Wende gegründete Hochschule für mein zweites Studium. Liebe Freunde aus der ganzen Republik und der ganzen Welt. Den Job des Lieblingsmannes bei einem US-amerikanisches Unternehmen. Die moderne, offene, kindbezogene Pädagogik des Kindergartens für den Kleinen. Die Wahl des speziellen Gymnasiums für den Großen ganz ohne Nachweis von Parteizugehörigkeit o.Ä. Die freien Wahlen. Die Demos gegen Studiengebühren ohne die Angst vor einer Verhaftung oder anderen Konsequenzen. Die Öffnung aller innereuropäischen Grenzen inkl. Reisefreiheit, Arbeitnehmerfreizügigkeit und die Einführung des Euro. 
So viele großartige Möglichkeiten, Erlebnisse und Begegnungen sind nur dadurch entstanden, dass vor 24/25 Jahren viele tausend mutige Menschen auf die Straße gegangen sind. Ich bin sehr dankbar dafür, dass all dies geschehen ist, und das zu einem sehr günstigen Zeitpunkt in meinem Leben.
Trotz aller Schwierigkeiten, die es nach wie vor gibt, ist dieser Tag ein Grund zum Feiern!

Wer mehr wissen möchte:
* Ein interessantes Dossier bietet die Bundeszentrale für politische Bildung.
* Die meiner Meinung nach beste Ausstellung zur deutschen Geschichte vom 2. WK bis heute befindet sich im Haus der Geschichte in Leipzig.
* Zu den Leipziger Spuren der Wendegeschichte hatte ich hier schon einmal geschrieben. 
* Arte bringt derzeit zahlreiche Beiträge zum Thema.
* Im Dresdner Schauspielhaus findet eine Themenwoche mit Theater, Diskussionen, Lesungen, Konzerten, Performances und einem eigenen Radiokanal statt.
* Die Ereignisse von 1989 in Dresden
* Alles zum Herbst '89 in Leipzig
* Ein herrlicher Comic über die Wendezeit aus Kindersicht mit vielen Wiedererkennungseffekten für DDR-Kinder ist Kinderland

Mittwoch, 17. September 2014

Recht VS. Gerechtigkeit

Ich halte mich für einen Menschen mit einem starken Gerechtigkeitssinn. Ungerechtigkeiten - ob bei der Gleichberechtigung, beim Umgang mit Flüchtlingen und Asylbewerbern oder in sozialen Fragen - stoßen mir sehr auf. Lange Zeit glaubte ich wenigstens, unser Rechtssystem sei - wie es sein Name ja mutmaßen lässt - ein geRECHTes. Mittlerweile bin ich nicht mehr dieser Meinung. Die heftigen öffentlichen Reaktionen auf gefühlt unfaire Urteile (geringen Strafen und Freigang bei Kindesmissbrauch und Vergewaltigung, Ungleichbehandlung berühmter Straffälliger inkl. Freikaufen durch Kautionen, Entlassungen von Verkäuferinnen wegen der Unterschlagung eines Pfandbons uvm.) zeigen, dass es nicht nur mir so geht.
Seit nunmehr sechs Jahren führe ich selbst einen Rechtsstreit und muss feststellen: Mein Gefühl stimmt. Gerechtigkeit geht anders!
Zur Sache:
Ich habe vor sieben Jahren als Redakteurin und Lektorin/Korrektorin für eine Familienzeitschrift gearbeitet. Ich recherchierte und verfasste den Großteil der im monatlichen Heft erscheinenden Artikel, sämtlichen Buchrezensionen, schoss Fotos, interviewte Bürgermeister und Kita-Gründer, war bei vielen kinder- und familienbezogenen Ereignissen unserer Stadt zugegen und las am Schluss das gesamte Heft Korrektur. Bis auf uns freie Mitarbeiter war das Ganze ein Ein-Frau-Unternehmen, getragen von viel Enthusiasmus und Engagement. Wie das so ist bei kleinen Projekten, bleibt die Wirtschaftlichkeit anfangs etwas auf der Strecke. Existenzgründerseminare sprechen von ein bis zwei Jahren Anlaufzeit, bis sich die Investitionen rechnen und man schwarze Zahlen schreibt. Nun stand die Firma aber nicht mehr ganz am Anfang, es gab die Zeitschrift bereist seit einigen Jahren, neu waren ein Familiencafé und eine Bastelwerkstatt gekommen.
Ich arbeitete sehr gern dort: Bis auf die Inhaberin waren alle Mitarbeiterinnen Mitte zwanzig, Mütter und mit viel Herzblut bei der Sache. Ich lernte eine Menge, hatte Spaß und bald auch eine neue gute Freundin in unserer Marketingchefin. Was schwierig bleib, war die Zahlungsmoral der Chefin. Meist kam der ohnehin schon magere Lohn (ich erhielt rund 400 Euro pro Monat) nur nach mehrmaliger Aufforderung.
Irgendwann machte sich bei mir Unmut breit. Ich arbeite viel und gut und verlangte nur wenig dafür - aber dieses Wenige wollte ich wenigstens zuverlässig und pünktlich bekommen. Andere sahen das nicht so und duldeten stillschweigend (oder offen verständnisvoll für die Finanzlage der Chefin) die Verzögerungen bis hin zu kompletten Lohnausfällen. Die Stimmung wurde ungemütlicher. Als unsere Layouterin rausgeekelt wurde, weil die Chefin das selbst angeblich viel besser konnte (allerdings wirklich keinen Schimmer hatte), reichte es mir. Ich verließ den Laden. Zu diesem Zeitpunkt standen noch zweieinhalb Monatsrechnungen aus.
Ich ging den üblichen Weg. Schrieb eine erste Mahnung mit Zweiwochenfrist. Schrieb eine zweite mit Mahngebühr und der Option, dem Betrag Zinsen hinzuzufügen. Keine Reaktion. Wahrscheinlich lagen meine Briefe auf dem Stapel all der ungeöffneten und unbeglichenen Rechnungen ganz unten auf dem Schreibtisch, wo sie sich bereits bei meinem Weggang stapelten. Wie ich später erfuhr, nennt man das im Fachdeutsch "Insolvenzverschleppung". Ich informierte mich, wie ich weiter vorgehen könnte. Ab diesem Punkt wurde es für mich als juristischen Laien ziemlich kompliziert, in Amts- und Juristensprache noch durchzusehen. Aber mir selbst einen Anwalt zu nehmen war finanziell nicht denkbar, erst recht, weil ich die Erfolgsaussichten nicht einschätzen konnte. Ich arbeitete mich also ein und bestellte beim Amtsgericht einen Gerichtsvollzieher. Dessen Einsätze zahlte ich aus eigener Tasche. Er war zweimal vor Ort. Beim ersten Mal wurde ihm nicht geöffnet. Daraufhin beantragte ich einen Durchsuchungsbefehl für ihn. Beim zweiten Mal bekam er knapp 200 €, die er mir umgehend überwies. Danach war wieder Sendepause. Der Gerichtsvollzieher rief mich an, dass er nun nichts mehr tun könne, da ein Insolvenzantrag gestellt wurde. Ab diesem Zeitpunkt darf nicht mehr gepfändet werden.
Aber es geht noch schlimmer, sprich: ungerechter: Nach einigen Monaten bekam ich Post von der zuständigen Anwaltskanzlei, dass ich bitte umgehend die bereits erhaltene Summe zurückzuzahlen hätte. Im Rahmen eines Insolvenzverfahrens darf mehrere Monate rückwirkend schon ausgezahltes Geld an Gläubiger zurückverlangt werden. Ganz rechtmäßig, wie wir nach einem Studium der betreffenden Gesetze erkennen mussten. Ich hätte mich gern geweigert, weil ich diese Situation wirklich haarsträubend unfair fand, aber das Recht war auf der Seite meiner ehemaligen Chefin. Hätte ich nicht gezahlt, wäre ein Verfahren zu meinen Lasten angestrengt worden. Ich zahlte also zähneknirschend. Der ganze Prozess dauerte ungefähr ein Jahr, seitdem habe ich nichts mehr davon gehört.
Bis heute. Ein Brief des Anwalts lag in meinem Briefkasten, den ich aufgrund des kuriosen Namens sofort erkannte (mir fällt öfter auf, dass Anwälte und Notare besondere Namen haben, euch auch?). Ich öffnete ihn eilig, weil ich sehr gespannt auf den Inhalt war. Von "Verfahren eingestellt" bis "überweisen Gesamtbetrag umgehend" schwirrte alles durch meinen Kopf. Es war dann etwas in der Mitte davon: Das Verfahren ist tatsächlich beendet worden. Da aber die Gesamtschuld die verfügbare Menge an Finanzmitteln um ca. das Zehnfache übersteigt, gibt es - an dieser Stelle geht es ausnahmsweise mal gerecht zu - für jeden Gläubiger auch nur 10% seiner Forderungen. Also nur rund 100 € für mich. Nach fünf Jahren! Und meine Ex-Chefin ist weiter im Geschäft, macht einfach weiter, so, wie sie es immer getan hat. Und wird wohl auch weiterhin mit ihren Mitarbeitern ebenso umgehen wie mit mir.
Das Schlimmste daran finde ich aber nicht einmal den finanziellen Ausfall (obwohl der bei größeren Summen auch den Konkurs eines Unternehmens zur Folge haben könnte). Nein, das Schlimmste ist, dass es scheinbar so einfach ist, andere zu betrügen, über Jahre hinweg Leistungen in Anspruch zu nehmen und sie nicht zu bezahlen, ohne jemals wirklich dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Irgendwie sind da richtig und falsch vertauscht, dem "Täter" geht es gut und die Opfer können sehen, wo sie bleiben.
Und da soll man noch an rechtliche Gerechtigkeit glauben...

Donnerstag, 5. Juni 2014

Luft raus

Wie ein Luftballon, bei dem über längere Zeit - pffffffffft - die Luft immer mehr entwichen ist und der nun nur noch schlapp in der Ecke liegt, so fühle ich mich im Moment.
Die Bachelorarbeit setzt mich stark unter Druck (obwohl sie eigentlich keine solche Bedeutung haben sollte, das weiß ich), mein kleines Schulkind macht mir große Sorgen, das Aufgefangenwerden in Familie und Partnerschaft ist zunehmend schwierig. Ich habe das Gefühl, so vielen Erwartungen gerecht werden zu müssen, so viel Last allein zu tragen... Und irgendwann wird einfach alles zuviel und nix geht mehr... Am liebsten möchte ich mein Leben auf PAUSE drücken, nichts mehr hören, sehen, vor allem keine Probleme lösen müssen; ich wünsche mir, dass einfach zur Abwechslung mal alles von alleine läuft, GUT läuft...

Regina

Montag, 26. Mai 2014

Wochenrückblick


Sonne und Regen, Zahnarzt und Karate, Wissenschaft und Grillgemüse und ein Firmenlauf - das war unsere Maiwoche:

Bei strahlendem Sonnenschein (und Sonnenuntergang) trafen sich 11.000 (!) Verrückte Laufwillige, um gemeinsam mit ihren Kollegen und vielen anderen 5 km lang vom Altmarkt übers Elbufer bis zum Stadion bei der Rewe Team Challenge um die Wette zu laufen. Mit dabei: Mein Mann & Kollegen. Da ich bei auswärtigen (Rad-) Rennen oft genug nicht zum Zuschauen und Anfeuern dabei sein kann, wollte ich diesmal die Gelegenheit nutzen. Also Kinder ins Bett gebracht, aufs Fahrrad geschwungen und sogar rechtzeitig zum Start auf dem Markt gewesen.

Mit dem Rad bin ich dann auch (über Abkürzungen) von Streckenabschnitt zu Streckenabschnitt gefahren, um möglichst oft einen Blick auf meinen "Sportfreund" zu erhaschen. Wie man sieht, waren die Läufer trotz des Sportmodus' meiner Kamera noch zu schnell (oder das Licht schon zu schlecht). Nur 20 Minuten später trafen wir uns im Ziel.


Mit einer Träne im Augenwinkel schnell vorbei am Stoffmarkt. Lieber nicht mal gucken, wenn kaufen schon nicht drin ist. Da will ich lieber gar nicht wissen, was ich verpasst habe. (Die Facebook- und Blogbilder der anderen reichen schon aus.)

Ab in den Bus, der uns zu unserem eigentlichen Ziel bringt: dem Helmholtz-Forschungszentrum Dresden-Rossendorf, wo wir uns anlässlich des "Tages des offenen Labors" vor allem den Teilchenbeschleuniger und Hochleistungslaser anschauen wollen. Damit wir auch wissen, was wir da in der riesigen Halle sehen, haben wir uns vorher einen Vortrag dazu angehört.


Das kleine Schulkind beim Rätsel rund um die Beschleuniger Draco & Penelope.
Über so etwas sollte man in der 1. Klasse schon Bescheid wissen, oder? :-)

Im gut gekühlten Rechenzentrum hatte ich dann viel Spaß mit meinem fliegenden neuen Sommerkleid à la Marilyn :-)

Was Sonntag anstand, war ja wohl klar. Und hinterher gab's frisch gebackenen Bienenstich und Grillen im Hof, während die Kinder den ganzen Tag lang mit einem Nachbarskind in der Wohnung Wehranlagen installiert, Bunker unterm Bett gebaut und die ausgefallensten Waffen entwickelt haben. 
Wir Eltern sind beide so richtig pazifistisch eingestellt und Pistolen, Gewehre oder Panzer kommen uns nicht ins Haus (Ausnahme sind Wasserpistolen). Wir sprechen mit den Kindern viel über Gewalt, Waffen und Krieg und klären sie auf, was das alles wirklich bedeutet und warum wir es deshalb auch als Spielzeug ablehnen. Und trotzdem scheint dieses Kämpfen und Waffenbauen etwas ganz Grundlegendes zu sein, was vor allem Jungen irgendwie brauchen. Denn egal, wie sehr man das unterbindet - da wird bereits eine Banane oder ein krummer Stock zweckentfremdet und es heißt nur noch "Peng! Peng!" Wir haben sie also werkeln lassen, weil es ein sehr intensives, kommunikatives Spiel war, beim Entwickeln der Waffen unheimlich viel Fantasie und Geschick im Spiel war und die Regeln bzgl. der Rücksichtnahme auf die anderen gut eingehalten wurden. Ein zweischneidiges Thema bleibt es für mich dennoch.

Das waren, wie immer, meine sieben Wochenbilder nach Carolas Idee.

Eine schöne letzte & kurze Maiwoche wünsche ich euch!
Und natürlich vielen Dank für eure lieben Kommentare zu meinem 12tel-Blick, über die ich mich wieder so gefreut habe!!!

Freitag, 23. Mai 2014

Gedankenreicher Zwölftelblick

Wenn euch eine Frau sagt, sie finde sich zu dick, dann sagt ihr bitte KEINES der folgenden Dinge:
  • „Weiß ich. Unter dir ist ja auch schon mal die Hochbettleiter zusammengebrochen.“
  • „Du nähst selbst? Dann brauchst du bestimmt ganz schön viel Stoff für so ein Oberteil.“
  • „Also, wenn meine Waage mal wieder 300 Gramm zu viel anzeigt, lasse ich einfach mal das Abendessen weg, dann geht’s wieder.“
  • „Mit solchen Elefantenbeinen sollte man lieber keine kurzen Röcke tragen.“
  • „Ach was, das ist doch ganz leicht – einfach mal ein bisschen weniger essen.“
  • „Ich war ja früher auch mal so dick. Hast du auch solche Probleme mit XY...?“
  • „Also, ich fahr ja jeden Weg mit dem Auto, aber DU solltest öfter große Radtouren machen, bei denen du so richtig ins Schwitzen kommst.“
  • „Lass doch einfach die Schokolade weg, die mag ICH sowieso nicht.“ *
Glaubt mir, solche Äußerungen motivieren nur zu einem: Sich traurig unter einer Decke zu verkriechen – und viel Schokolade zu essen. Oder Pralinen. Oder Eis. Weil das die Seele so schön streichelt. Und man genau das in dem Moment so sehr braucht. (Oder wie hoch ist der Wohlfühlfaktor bei Knäckebrot?)


Was ihr stattdessen tun könnt:
  • Ihr Komplimente machen! Viel zu schnell reduzieren wir uns und andere aufs Äußere und da vor allem auf die Figur. Dabei gibt es noch so viele andere Dinge, die einen Menschen ausmachen. Hat eure Freundin eine perfekt glatte Haut? Eine tolle Augenfarbe? Volle rote Lippen? Eine schöne Stimme? Natürliche Haare, die bei euch nicht mal der Friseur so hinbekommt? Gepflegte Hände und Füße? Schöne Beine? Humor? Einen inspirierenden Kleidungsstil? Ein Händchen für ausgefallene Accessoires? Einen grünen Daumen? Duftet sie gut? Kann sie göttlich kochen oder backen? Malen, nähen, Fliesen legen, tanzen, Hecken schneiden? Finden bei ihr die fröhlichsten Feste statt? Ist sie erfolgreich im Job? Intelligent? Großzügig? Immer da, wenn man sie braucht? Hat sie eine schier unendliche Geduld? Lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen? Engagiert sich im Ehrenamt? Kann euch jede Verspannung wegmassieren? Kennt die besten Hausmittel bei Erkältung und PMS? Kann man mit ihr besonders gut lachen? Weinen? Pferde stehlen?
  • Sagt ihr das alles! Damit sie davon wegkommt, sich nur über ihre Figur zu definieren und vor allem, sich deswegen schlecht zu fühlen, wo sie doch so viele andere wunderbare Eigenschaften hat!
  • Zeigt ihr dieses oder dieses Video.
  • Schenkt ihr zum Geburtstag trotzdem die Lieblingspralinen. SIE entscheidet, was sie isst, niemand anders.
  • Wenn ihr aber wisst, dass sie z.B. Schokolade über alles liebt, an dieser Stelle aber trotzdem ein bisschen kürzer treten möchte, sind Schokofrüchte eine tolle Alternative. Oder das Süßigkeitenregal von Alnatura. Ich sag nur: Himbeeren in weißer Schokolade! (Ihr jedoch eine kalorienreduzierte Variante zu schenken, wenn sie eigentlich Nougat und Marzipan wollte, geht gar nicht.)
  • Schlagt vor, gemeinsam einen Sport- oder Tanzkurs zu besuchen. Das motiviert mehr als jeder Fitnessstudiobeitrag.
  • Trefft euch zum Stadtbummel, aber lasst das frustrierende Klamottenshopping sein. Macht euch stattdessen gemeinsam auf die Suche nach schönem Schmuck, der angesagten Nagellackfarbe, edlem Parfum, einer schicken Tasche oder schönem Material für ihr Hobby. Stoffeinkäufe sind z.B. sehr beglückend und man braucht überhaupt nicht an Kleidergrößen o.Ä. zu denken.
  • Ihr könnt nähen? Und sie findet ganz schwer etwas Schönes, das ihr passt? Oder hat ein Lieblingsstück entdeckt, das bei Gr. 40 aufhört? Dann macht ihr das beste Geschenk überhaupt: Ein nach ihren Maßen genähtes Kleidungstück in Lieblingsfarben!
  • Wunderbare Geschenke sind auch feine Kosmetik, Massagen, Maniküre & Pediküre oder andere Wellness-Anwendungen. Oder ihr besucht so ein Studio gleich gemeinsam. All das unterstützt sie ganz großartig, sich wohl in ihrer Haut und schön zu fühlen.
  • Denkt immer daran: Auch, wenn frau mehr wiegt als manch andere, darf sie sich im Café ein Stück Lieblingstorte gönnen. Oder den Eisbecher mit der Praline obendrauf. Es ist IHR Weg, nicht eurer. Und ihr habt euch eure Freundin sicher nicht wegen ihrer Modelfigur ausgesucht, oder? Und mal ehrlich: Wenn sie ständig am Kalorienzählen wäre, würden euch gemeinsame Ausflüge und Kochabende auch keinen Spaß mehr machen! Ganz zu schweigen von den ausbleibenden Kekslieferungen und Geburtstagstorten :-)
Vielleicht schaffen es ja alle Frauen gemeinsam, dieses Diktat der Kleidergrößen etwas abzuschwächen. Es gibt so viel mehr im Leben einer Frau, was zählt! Auf jeden Fall aber macht ihr eure Freundin ein bisschen glücklicher. Und das ist doch auch schon mal was, stimmt`s?
Heute im Garten, Minuten vor dem Gewitter

Das war mein Mai-12tel-Blick, nachdem der vom April aus akutem Zeitmangel ausfallen musste. Alle anderen Blickpunkte sammelt wie immer Tabea, die sie auch initiiert hat.

 
* Auf Lebensmittel zu verzichten, die man sowieso nicht mag, ist jetzt nicht gerade eine große Kunst, oder? Mit einer Diät, bei der man alles essen darf bis auf Meeresfrüchte, Insekten, Lakritz und Bier hätte ich jedenfalls überhaupt gar kein Problem :-)
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