Dienstag, 20. Januar 2015

Dresden gegen den Rest der Welt


Wer hier schon länger mitliest, weiß, wie sehr ich meine Wahlheimatstadt Dresden mag. Seit wir vor knapp sechs Jahren von Leipzig hierher gezogen sind, erkunden wir Stadt und Umland in allen Facetten. Ausstellungen und Museen, Feste und Feiern, Elbwiesen und Wälder, Kirchen und Konzerte, Dampferfahrten und Weihnachtsmärkte, Wandern und Klettern - es gibt hier nichts, was es nicht gibt (ok, außer wirklich schönen Badeseen, da ist Leipzig ganz klar im Vorteil).
Doch im Moment steht Dresden nicht wegen seiner großartigen kulturellen oder architektonischen Vielfalt im Rampenlicht, sondern wegen eines vorbestraften Mittvierzigers, Herrn B., der mit seinen fragwürdigen Ansichten und Parolen seit Dezember immer mehr Menschen um sich schart, um für und gegen alles Mögliche (und Unmögliche) hier in der Stadt "spazieren zu gehen"*, wie er es nennt. Die Führungsspitze seiner Bewegung** achtet sehr sorgfältig auf ihr Image als ordentliche, rechtschaffene Bürger, die nur ihr Recht auf Meinungsfreiheit wahrnehmen und um die Zukunft unserer Gesellschaft besorgt sind. Ihr Positionspapier ist bewusst so formuliert, dass es kaum Angriffspunkte bietet. Liest man jedoch zwischen den Zeilen und hört sich an der Basis um, könnte der Widerspruch zum geschriebenen Wort kaum größer sein.
Die „Patriotischen Europäer“ demonstrieren seit zwei Monaten Montag für Montag „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ und noch gegen so einiges andere mehr. Gegen Frau Merkel sind sie ebenso wie gegen die GEZ, Gender Mainstreaming und Politik im Allgemeinen, die deutsche Asylpolitik ist ihnen ebenso ein Dorn im Auge wie die Medienlandschaft, die von ihnen nur „Lügenpresse“ genannt wird. Dass Argumente und Artikel auf ihrer offiziellen Seite gern aus Bild, Mopo oder von RTL stammen und von dort unkritisch übernommen werden, scheint dem nicht zu widersprechen. Äußert sich die Presse hingegen kritisch zur Bewegung, lügt sie oder ist gleich vom Staat zensiert worden. Gleiches gilt für den Umgang mit Andersdenkenden. Hinterfragt jemand in einem Forum oder in Kommentaren zu Zeitungsartikeln die Bewegung, entlädt sich sogleich ein Shitstorm der immer gleichen Phrasen: Alle Informationen der Gegenseite stammten aus der „Lügenpresse“, man hätte keine Ahnung, worum es wirklich ginge und sei sowieso nur ein von der „Politelite“ gekaufter und von den „Systemmedien“ fehlinformierter „Gutmensch“. Eines der beliebtesten Argumente ist allerdings der Vorwurf, man habe das Positionspapier ja nicht einmal gelesen, da stünde ja alles drin, worum es geht. 
Ich habe es gelesen. Und die Appelle des Herrn B. auf seiner Facebookseite. Und wochenlang Diskussionen in Foren und auf Facebook und in Kommentarfunktionen von Tageszeitungen verfolgt. (Dafür sollte ich Schmerzensgeld bekommen, das war wirklich gruselig!) Sachargumente? Diskussionen ohne grobe Beleidigungen? Fehlanzeige. Leider. Dafür Beleidigungen der übelsten Art gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, Politikern, Gegendemonstranten und überhaupt allen, die anders denken oder die Bewegung hinterfragen. Es wird gepöbelt und geschimpft, was das Zeug hält, nicht selten geht es massiv unter die Gürtellinie. Und ja, die Anzahl rassistischer Statements ist groß, riesengroß. Was im Positionspapier bewusst ausgelassen wurde, verstärkt sich an der Basis umso mehr.
Ich stelle mir da so einige Fragen:
1.) Haben diejenigen, die sich in den Kommentaren derart fremdenfeindlich äußern, jemals das Positionspapier gelesen? Dort steht nämlich wörtlich, dass verfolgte Menschen aufzunehmen und human unterzubringen seien.
2.) Haben diejenigen, die immer wieder behaupten, die Bewegung habe mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit überhaupt gar nichts zu tun, jemals die Kommentare ihrer Mitdemonstranten gelesen?
3.) Haben sie, ihrer eigenen Argumentation von der genauen Kenntnis der Gegenseite folgend, eigentlich den Koran schon gelesen, gegen den sie so protestieren?
4.) Wenn die Führung es wirklich ernst meint mit ihrer Aussage, rassistische Elemente gehörten nicht zu ihrer Bewegung - warum distanzieren sie sich dann nicht öffentlich davon? Nicht einmal eine Moderation der üblen Kommentare und Posts in den Foren findet statt!
5.) Warum nennt man sich "Europäer", wenn man sich eindeutig kritisch zu Europa äußert, mit der extrem europhoben AfD sympathisiert, auf den "Spaziergängen" ausschließlich die Fahnen Deutschlands und der deutschen Bundesländer wehen und "deutsch" eines der häufigsten Worte auf den Transparenten ist?
6.) Wenn eine Partei absoluten Mist verbockt, sagen sie dann auch: "Aber im Programm, da stehen doch lauter ganz tolle Dinge, messt die Partei doch bitte an ihren warmen Worten und nicht an ihren Taten" - so, wie sie es für sich einfordern?

Ich verstehe nicht, wie man mit dieser Bewegung sympathisieren kann. Sicher läuft bei Weitem nicht alles richtig in diesem Land. Aber gemeinsam mit offensichtlichen Hooligans, Rechten und Rassisten und einem kriminellen Anführer auf die Straße zu gehen und gegen andere, oftmals schwächere Menschen zu hetzen, halte ich definitiv für den falschen Weg. Deshalb gehe ich auf jede Gegenveranstaltung – auch um zu zeigen, dass Dresden nicht nur aus "patriotischen Europäern" besteht. Dieses Zeichen, vor allem für die Welt außerhalb Dresdens, finde ich wichtig. Aber es reicht nicht, einmal in der Woche im Regen auf die Straße zu gehen. Davon verändert sich nämlich noch nichts. Aus diesem Grund engagiere ich mich seit vielen Jahren als Gründungsmitglied einer aktiven Gruppe unserer Hochschule gegen Diskriminierung jeglicher Art. Ich hinterfrage meine eigenen Vorstellungen und Urteile immer wieder und gehe bewusst auf Menschen zu, die mir fremd sind. Ich erziehe meine Kinder zu offenen und toleranten Menschen. Und wenn in der nächsten Woche nur wenige Straßen weiter das neue Asylbewerberheim öffnet, werde ich vor Ort sein und meine Hilfe anbieten.

Und da gibt es noch etwas, das ich nicht verstehe:
Auf der einen Seite sind da die Menschen, die vor Krieg und Armut ihre Heimat verlassen mussten, mit leeren Händen hier stehen, niemanden kennen, kein Wort verstehen und mit vielen anderen teils menschenunwürdige Massenunterkünfte teilen müssen.
Auf der anderen Seite sind die, die das große Glück haben, in einem freien und reichen Land geboren zu sein, in einem geordneten Sozialstaat zu leben und trotzdem gegen alles Fremde auf die Straße gehen.
Und dann kommen immer wieder welche, die meinen, man müsse die Sorgen und Ängste der Menschen Ernst nehmen.
Die der Demonstranten in dem reichen Land, wohlgemerkt.

 
Noch schlimmer als die Aussagen und groben Beleidigungen der Mitglieder finde ich jedoch deren Wirkung auf unsere Stadt einerseits und den Rest der Welt andererseits. Ich habe das Gefühl, dass Stammtischparolen plötzlich wieder salonfähig werden und sich einige Menschen berechtigt fühlen, unter dem Deckmantel der „freien Meinungsäußerung“ andere Menschen oder ganze Bevölkerungsgruppen öffentlich zu beschimpfen und zu verunglimpfen. In Dresden selbst bekommen das vor allem Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zu spüren. Viele sehen sich jetzt verstärkt Anfeindungen und Beleidigungen ausgesetzt. Es ist, als wäre bei den Anhängern dieser fragwürdigen Bewegung auch noch der letzte Rest Anstand verloren gegangen. Eine meiner türkischen Bekannten hat Dresden bereits verlassen, eine Freundin aus Südamerika (die hier verheiratet ist, Kinder hat und nach ihrem Studium hier Vollzeit arbeitet und damit laut P***a in Deutschland sehr willkommen ist) lebt seit Beginn der Demonstrationen in ständiger Angst. Gehässige Kommentare auf offener Straße, ein Abrücken von ihr in der Straßenbahn oder „Ausländer raus!“-Rufe auf ihrer Arbeitsstelle sind für sie seitdem an der Tagesordnung. Montags traut sie sich – wie viele Menschen, denen man ihre Herkunft ansieht – kaum noch auf die Straße. Dass sie weder kriminell noch ein von der P***a so sehr verachteter „Wirtschaftsflüchtling“ ist, kümmert keinen. Da mangelt es leider an der nötigen Differenzierung.
Aber auch außerhalb Dresdens bemerke ich eine starke Tendenz zu Intoleranz und Vorverurteilung. Damit meine ich aber noch nicht einmal diejenigen (und das werden nicht wenige sein), die insgeheim mit dem sympathisieren, was zur Zeit hier geschieht. Ich meine die vielen Menschen in Deutschland und der Welt, die angesichts der aktuellen Vorfälle ihre eigenen Vorurteile gegen Dresdner, Ostdeutsche und Deutsche im Allgemeinen hervorholen und ebenso laut zu Gehör bringen. Kommentarfunktionen und Foren sind voll von üblen Beschimpfungen und gut gehegten Feindbildern gegenüber den Menschen, die hier leben. Da wird verallgemeinert, alles in einen Topf geworfen, nicht differenziert – Stammtischgehabe vom Feinsten. Und das ist keinen Deut besser, als das Verhalten des Gefolges von Lutz B.! Es ist genau das Gleiche, nur mit einem anderen imaginären Feindbild! Denn Intoleranz und Vorurteile bleiben Intoleranz und Vorurteile – egal, wem gegenüber.
Deshalb habe ich ein große Anliegen an alle Menschen, ob Jung oder Alt, in Ost oder West, in Deutschland oder anderswo: Seid offen füreinander! Lasst euch nicht von euren oder fremden Vorurteilen leiten! Werft nicht alle Menschen in einen Topf, nur, weil ihr sie nicht kennt oder ein kleiner Teil von ihnen negative Schlagzeilen macht! Dresden ist NICHT P***a! 20.000 „Spaziergänger“ (von denen laut einer Umfrage die Hälfte nicht aus Dresden kommt) vertreten nicht über 500.000 Einwohner Dresdens, geschweige denn 4 Mio. Sachsen oder 13 Mio. Ostdeutsche.
Kritisiert die einzelnen bedenklichen Strömungen, macht euch stark dagegen, aber setzt ihnen vor allem eins entgegen – etwas, das sie selbst nicht haben, können, wollen: Ein Miteinander statt eines Gegeneinanders. Ein Hinterfragen von Vorurteilen und Klischees, auch der eigenen, oftmals bequemen. Der Blick über den eigenen Tellerrand. Das persönliche Kennenlernen von Fremden, bevor man sich eine Meinung über sie bildet. Das Ersetzen von Gerüchten durch verlässliche Informationen und sachliche Fakten. Eine aktive Mitarbeit gegen Missstände in Stadtparlamenten, Parteien, Bürgerinitiativen, statt nur am Stammtisch und im Internet zu schimpfen. Offen sein. Neugierig bleiben.
Das ist es, was ich mir in diesen Zeiten am meisten wünsche! Von allen Seiten.


* Alle in Anführungszeichen genannten Begriffe in meinem Text stammen aus der Bewegung selbst, nicht von mir.
** Ich nenne den Namen dieser Bewegung bewusst nicht, weil er erstens weithin bekannt ist und ich zweitens kein Interesse an Besuchern auf meinem Blog habe, die danach suchen.


PS.: Am Tag der Anschläge in Paris schrieb ich besorgt einer Freundin folgende Zeilen: "Ich weiß nicht, ob das panisch ist, aber ich mache mir auch Sorgen, dass die Demos der P***a solche Anschläge wie den in Paris anziehen könnten..."
Gestern wurden hier sämtliche Demos und Kundgebungen wegen einer Terrorwarnung abgesagt.... 

Kommentare:

gretel hat gesagt…

Lieben Dank für die Mühe die du dir gemacht hast, so einen guten, ausführlichen, differenzierten, ausgewogenen, durchdachten Text zu schreiben. Mir fehlen ja bei diesem Thema oft die Worte - und das kommt sonst selten vor.
Sehr komplex und vielschichtig ist das alles, manchmal zum verzweifeln.
Viele Grüße

kaze hat gesagt…

Es tut so gut dies hier zu lesen, ich empfinde sehr ähnlich und habe Bauchschmerzen bei den berichten.Foren oder ä. von dem du schriebst hätte ich mir nicht antun wollen. Am Samstag auf dem Neumarkt war ich so glücklich, dass wir 35.000 waren, aber am Montag war zu sehen, dass es nur angestachelt hat.
Ich denke auch, man karrt leute zusammen über die Netzwerke, um groß zu wirken. Die ersten Sprüche im Fernsehen waren von sehr weit her.Und Dresden als Stadt macht immer gute Schlagzeilen! so viel Werbung wie die bekommen, ist doch einfach unfassbar!.Am schlimmsten finde ich, dass Unwissenheit und Ängste schamlos ausgenutzt werden für rechtes Gedankengut und gleichzeitig neue erzeugt werden.sehr nachdenklich Grüße

Anonym hat gesagt…

Ein wunderbarer Post! Für mich ist die Anzahl der Sympathisanten auch völlig unverständlich! Doch man braucht nur mal sich im Kreise der Menschen umhören, die im Alter meiner Eltern sind, da kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus und fragt sich ehrlich, was aus denen von '89 zum Teil so geworden ist...LG Lotta.

janiJa! hat gesagt…

Liebe Regina, ich liebe ja deine Texte, du weißt, dass ich gerne bei dir mitlese. Aber dieser Text von dir macht mich sprachlos und fassungslos. Nicht weil mir die Dresdner Situation nicht bewusst wäre, denn das ist sie. Sondern weil du alle Gefühle und Gedanken, die ich, und viele, viele andere Menschen haben so schön aber gleichzeitig schmerzhaft umschreibst, sachliche Argumente bringst aber man zwischen jeder einzelnen Zeile deine Leidenschaft und deine Besorgnis liest.
Toll deine Worte und schrecklich, was um uns herum geschieht.

Dania hat gesagt…

Liebe Regina,
hab Dank für diesen Post (und auch fürs Verlinken)! Von Österreich aus bin ich angewiesen, diese Ereignisse, die (auch mich) beunruhigende Bewegung durch die Augen der Medien zu verfolgen. Viele Interviews, die auf der Straße bei "Spaziergängen" geführt wurden (bzw. die Versuche von Interviews) haben wir hier verfolgt und leider dasselbe Bild über die Bewegung bekommen, wie du vorort sie als Augenzeugin so genau beschreibst. Leid tun mir alle Menschen, die nun mit Vorverurteilung, mit Anfeindung zu kämpfen haben. Verständnis kann ich keines Aufbringen für Menschen, die sich einer solchen Bewegung unreflektiert anschließen - denn es scheint offensichtlich eine zweischneidige Bewegung zu sein. Analysen von Videos, die ungeschnitten Veranstaltungen zeigen und Vergleiche zu Aufnahmen von Reden von vor 77 Jahren sind mehr als erschreckend. Das Suchen von "Schuldigen" für missliche Lagen, Arbeitslosigkeit, Sparkurse, Pensionskürzungen, Sozialkürzungen... sind so wenig hilfreich, da sie nichts verändern, außer - und das ist das Schlimme daran - beschwören erst recht ein Missempfinden, ein allgemeines Unwohlsein herauf. Feindbilder schaffen Feinde, schaffen Argwohn und Misstrauen, schaffen eine gehässige Atmosphäre, in der das Leben nicht mehr lebenswert scheint - für niemanden, schon gar nicht für Menschen, die eh schon jeden Groschen/Pfennig/Cent dreimal umdrehen (müssen), um über die Runden zu kommen. Aber die Lösung muss eine ganz andere sein.
...
Hach...
Wir sind alle eine Welt.
Danke noch einmal!
Liebe Grüße nach Dresden
Dania

jahreszeitenbriefe hat gesagt…

Liebe Regina, danke für diesen differenzierten Beitrag! Mir geht es ähnlich mit meinen Gedanken. Und ich sehe es genauso - ein einfaches "gegen" bringt gar nichts, nur das bewusste "Miteinander" und "Füreinander" im Bemühen um eine friedliche und menschliche Welt, auch in Dresden (eine Stadt, die ich sehr mag!) Lieben Gruß Ghislana

mano hat gesagt…

liebe regina, ich danke dir herzlich für deinen kommentar bei mir - noch mehr aber für deinen so guten artikel. er sollte unbedingt noch in anderen medien abgedruckt werden!
heute werden wir wieder in braunschweig mit hoffentlich vielen anderen gegen die pe-und andere idas protestieren. ich werde dabei an dich denken und hoffe, dass ihr in dresden die überzahl behalten werdet!
liebe grüße von mano

strohzugoldlisa hat gesagt…

Liebe Regina, das hast Du toll geschrieben. Gott sei Dank sind so viele viele aktiv gegen diese idiotischen Mitmenschenverachter. Mein Lieblingsaufruf: Open your mind!-Das meinst Du wohl auch mit neugierig bleiben. Andere Menschen als Bereicherung empfinden- das ist doch ein Schatz!
Sei herzlich gegrüßt von
Lisa

labolg hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Doro hat gesagt…

Ich bin spät dran mit meinem Kommentar, aber ich muss mich noch für diesen Post bedanken! Du drückst meine Gefühle und Gedanken zu dem ganzen Thema 1:1 aus! Es ist momentan leider nicht so richtig schön, Dresdner zu sein, aus so vielen mehr als traurigen Gründen ...

Herzliche Grüße, Doro

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